Märchenhaft
Der Wiener Jugendstil, so hat es Nike Wagner einmal poetisch und zutreffend formuliert, sei die «Kunst der Träumerei entzügelter Nerven». Symptomatisch für diese Zeit steht Alexander Zemlinskys Oper «Der Traumgörge» von 1907. Dessen Titelheld ist ein Träumer, der sich in Bücher versenkt und seine lebenslustige Braut Grete lieber dem bodenständigen Hans überlässt. Er sehnt sich nach einer Märchenprinzessin. Auf der Suche danach gerät er in ein Dorf, in dem der Mob eine junge Frau als Hexe denunziert und ihr Haus abfackelt.
Görge rettet sie – und entdeckt in ihr seine Traumfrau.
Erstmals überhaupt haben zwei französische Opernhäuser – die Opéra de Dijon und die Opéra national de Lorraine in Nancy – dieses Werk des Fin de Siècle, dessen Uraufführung erst 1980 in Nürnberg stattfand, kooperierend in ihren Spielplan übernommen. Für die musikalisch exzellente Produktion wurde bei Jan-Benjamin Homolka eine Corona-kompatible Kammermusikfassung bestellt. Ein Manko ist es nicht. Dirigentin Marta Gardolińska leuchtet mit 40 anstatt der vom Komponisten vorgesehenen 80 Musikern wunderbar klar in das verästelte Klangdickicht hinein. Mahlers traumverhangenes «Ich bin der Welt abhanden gekommen» ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Sabine Weber
In Wien gibt es eine Wels-Gasse, benannt ist sie nach Franz Wels, einem Pionier des Flugzeugbaus. Aber auch im Zusammenhang mit dem nämlichen Fisch ist sie an der Donau nicht ganz unbekannt, allerdings unter ihrem amerikanischen Namen Catfish Row, dem Schauplatz von George Gershwins «Porgy and Bess». Bereits im Jahr 1952 hatte, von Marcel Prawy arrangiert, ein...
Liebe beginnt meist mit Verwunderung, mit Staunen, mit einem Blick, der alles verändert. Hier, in der dritten Szene des zweiten Akts, hebt diese Liebe in nachgerade unschuldig-lyrischem B-Dur an. Doch vernimmt man den weit entfernten Donner und blickt bereits an dieser Stelle auf das Ende der Oper, sollte man bei Samsons sanft tönenden Worten «En ces lieux» gewarnt...
Neben allen zutiefst berechtigten Klagen über die verheerenden Folgen der Corona-Pandemie für den Kulturbetrieb gibt es einige positive Nebeneffekte zu registrieren: Man gewinnt zunehmend den Eindruck, dass gerade kleinere und mittlere Häuser besonders kreativ mit der Krise umgehen, sich nicht vor waghalsigen Experimenten scheuen und ihre Säle auch akustisch...
