Lyrischer Zauber, dramatische Prägnanz
Die Erstveröffentlichung des Bayreuther «Ring» von 1955 unter Joseph Keilberth haben wir an dieser Stelle als kleine Sensation ausführlich gewürdigt (siehe OW 4/2007). Nun legt das britische Label Testament mit einem weiteren historischen «Ring» nach, der bisher nur als klanglich fragwürdige Piratenaufnahme existierte. Es handelt sich um den Londoner Zyklus von 1957 unter Rudolf Kempe, der drei Jahre später mit der Tetralogie auch am Grünen Hügel seinen Einzug hielt.
Klanglich kann diese Veröffentlichung zwar nicht mit dem Bayreuther Mitschnitt mithalten (der von der fortgeschrittenen Aufnahmetechnik der Decca profitierte), denn es handelt sich um eine private Kopie, die vor allem in der «Götterdämmerung» erhebliche Verzerrungen aufweist. Aber in künstlerischer Hinsicht steht sie ihm kaum nach.
Kempe geht als Wagner-Dirigent von ähnlichen Prämissen aus wie Keilberth: Er strebt weg von der teutonischen Schwere vieler früherer Interpretationen und kultiviert einen schlanken, kammermusikalisch transparenten Klang. Der Mythos wird in einem ruhigen Erzählfluss vermittelt. Beide Dirigenten können sich dabei auf Wagners Partituren berufen, die sehr genaue Anweisungen zur Dynamik ...
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