Lyriker mit System
Eine Repertoireaufführung von Massenets «Werther» an der Bayerischen Staatsoper. Kaum freie Plätze, nach «pourquoi me réveiller» gibt es unvorgesehenen Zwischenapplaus für Piotr Beczala, am Ende lang anhaltenden Jubel.
Dieser Werther fasziniert durch die Spannung zwischen konzentrierter Energie und scheuem Zartgefühl, zwischen Empfindsamkeit und auflodernder Leidenschaft, die sich immer deutlicher ins Selbstzerstörerische wendet: ein der Welt Fremder von Anfang an, der wie von fern den Menschen zusieht, davon träumt, am Leben teilzuhaben und dessen Sehnsucht immer schon den Verlust enthält: ein Zerrissener, dessen Wahrnehmung sich zusehends verdüstert und der seine wachsende Verzweiflung in betörendem Überschwang aussingt, so dass über dem tödlichen Abgrund der utopische Wunsch aufleuchtet, alles – er selbst, das Schicksal, die Welt – könnte anders sein, als es ist.
Szenenwechsel. Durch die Terrassenverglasung des Appartmenthotels, in dem Piotr Beczala wohnt, wenn er in München singt, fällt aus einem bewölkten Himmel nüchternes Licht. Der hochgewachsene schlanke Pole mit dichtem drahtlockigem Haarschopf und stahlblauen Augen ist nicht nur auf der Bühne ein attraktiver Mann. In ...
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