Luft nach oben
Anfangs wurde er von einigen Kolleginnen und Kollegen für einen Statisten gehalten. Dass ein derart gutaussehender Junge vortrefflich singen könne, dazu noch höchst anspruchsvolle Tenorpartien, schien beinahe undenkbar. Aber Jonathan Tetelman vermag es tatsächlich. Mit großem Erfolg verkörperte er beispielsweise an der Deutschen Oper Berlin den Paolo in Riccardo Zandonais dynamisch aufgeheizter D’Annunzio-Vertonung «Francesca da Rimini».
Für den chilenischen Sänger ist Paolo jener «vergessliche hübsche Junge, der herumhängt und Bücher liest», bis er (der für seinen Bruder bestimmten) Francesca begegnet und daraufhin entsprechend entflammt zu singen beginnt – eine womöglich etwas eigentümliche Charakterisierung für den erotischen Superhelden in einer Oper mit leicht präfaschistischem Einschlag. Aber genauso singt ihn Tetelman auch auf seinem Debütalbum, einer Melange aus Arien von Ponchielli, Giordano, Verdi, Flotow, Bizet, Cilea, Massenet, Mascagni, Puccini – und eben jenem «Francesca da Rimini»-Duett.
Tetelman gebietet über einen hellen klaren, nach vorne gelagerten Tenorklang – absolut sauber in der piano geführten Kopfstimme, strahlend im überlang gehaltenen hohen C von ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt 11 2022
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 33
von Bernd Künzig
Die Vision der Liebe, der Verständigung und des Verzeihens, die Goethes «Faust II» im himmlischen Chorus Mysticus krönt, beschreibt ein derart allumfassendes Prinzip des (die Titelfigur wie die ganze Welt) erlösenden Ewig-Weiblichen, dass die Bebilderung auf der Bühne sie wohl nur im Kitsch oder der Überzeichnung brechen kann. Ob Arrigo Boito das schon wusste?...
Es ist wie so oft, wenn aus Weltliteratur große Oper wird. Ein, zwei Adaptionen setzen den Standard und etabilieren sich im Repertoire, der Rest fällt durchs Raster. Verdi etwa hat mit seinem Bühnenabschiedswerk «Falstaff» die gleichnamige Shakespeare-Figur derart meistergültig auf den Begriff gebracht, dass – von Otto Nicolais «Lustigen Weibern von Windsor» einmal...
Im April 1883 wurde «Lakmé» in der Opéra Comique aus der Taufe gehoben. Mit seitdem über 1600 Aufführungen an der «kleinen» Pariser Musikbühne zählt Léo Delibes Dreiakter zu den meistgespielten «hauseigenen» Werken der geschichtsträchtigen Institution, nach «Carmen», «Manon», «Mignon» und «La Dame blanche» (aber vor «Werther», «Les contes d’Hoffmann» und «Pelléas...
