Alles Fassade
Im Foyer steht der Katafalk mit einem über und über von Kränzen bedeckten Sarg. Statisterie und Chor haben sich unter die Premierengäste gemischt und betreten nun nach und nach die weit in den Saal hineingezimmerte Bühne. Lorenzo Fioroni richtet bei Brittens «War Requiem» ein Begräbnis aus. Wer da genau begraben wird, bleibt offen. Aber gemessen an den Honoratioren und ihren weiblichen Anhängseln, die sich hier versammeln, scheint es eine hochrangige Persönlichkeit zu sein.
Mit Orden zugehängte Uniformen, lange Abendroben (allerdings nicht in Schwarz), Smoking, Ornat und steife Förmlichkeit bestimmen die Atmosphäre. Erst nach 20 Minuten sind die ersten Takte der Musik zu vernehmen: So (qualvoll) lange hat sich das Entrée gezogen, das auf den Abend einstimmen soll und die Ouvertüre zu einem Fest macht, das bald aus den Fugen gerät. Die feine Gesellschaft, die hier offenbar einen der ihren bestattet, ist zerrüttet: Die latente Gewalttätigkeit wird schnell virulent, die Trauergäste geraten aber nicht nur aneinander, zwei Figuren sorgen für weitere Irritationen: Veteranen sind es; der eine wie das Phantom der Oper adjustiert, der andere wie die Hardrock-Ikone Lemmy Kilmister von der ...
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Opernwelt 11 2022
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Martin Gasser
Wenn die Schmuggler zu Beginn des dritten Akts auf einer wackligen Hängebrücke, umgeben von grobflächig bemalten Gebirgskulissen, so tun, als könnten sie ihre heiße Ware nur mit größter Mühe über die Berge hieven, denkt man unweigerlich an die Stummfilmästhetik von vor hundert Jahren. Mithin an jene Filmkomödien, in denen ein Buster Keaton todesmutig in...
Johann Sigismund Kusser war wie viele Musiker seiner Zeit ein Kosmopolit wider Willen, ruhelos hin- und hergetrieben zwischen den konkurrierenden Fürstenhöfen, kurzum: ein «weitgereister Musiker», wie die australische Musikologin Samantha Owens ihre 2017 erschienene Monografie betitelte. Mit vierzehn kam der im damals ungarischen Preßburg geborene Sohn eines...
Es ist wohl ein anderer Krieg, den Russland da führt, nicht dieser jetzt. Die Nachrichten von der fernen Front kommen aus dem Transistor, man muss sie durch das Rauschen dechiffrieren, auch die martialischen Ansagen dressierter Kindersoldaten an die Feinde des Vaterlands. Das von Pola Kardum in das Alltagsbunt der vielleicht 1970er-Jahre gekleidete Frauenvolk hält...
