Lübeck: Innere Zerrüttung
Da ist schon jemand. Ein junger Mann in schwarzem Wams und weißer Pluderhose. Irre Augen, bleiches Gesicht, das rotgelbe Haar fällt in wirren Strähnen. Wie ein gehetztes Tier kauert er da, bebend vor Angst. Zur Strecke gebracht im staubgrauen Verlies, das Stefan Heinrichs auf die kleine Bühne des Lübecker Theaters gebaut hat. Während die Zuschauer noch nach ihren Plätzen suchen, ist der Infant schon bis über die Halskrause verstrickt in den Wahnsinn, der uns aus Verdis «Don Carlo» anspringt.
Mit einem Galan, der noblen Herzschmerz verströmt, wenn er die große Liebe an den machtbewussten Vater verliert, hat dieser Typ nichts zu tun. Man spürt sofort, bei diesem Carlo steht alles auf dem Spiel – das Glück, die Zukunft, das Leben.
Der koreanische Tenor Yoonki Baek «spielt» die Rolle, als gehe es auch um sein eigenes Leben. Ein fulminanter Sängerdarsteller, der sich verausgabt, sich verschwendet an eine Figur, die am emotionalen Autismus der höfischen Gesellschaft zerbricht, in der sie gefangen ist. Und darüber fast die Stimme verliert. Auf sich zurückgeworfen, in sich verkapselt, zur Einsamkeit verdammt sind sie alle in Sandra Leupolds Lübecker «Don Carlo»-Welt. König Philipp – kein ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2014
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Albrecht Thiemann
Niemals in der Musikgeschichte hatten Triangel-Spieler so viel zu tun wie in der französischen Oper des 19. Jahrhunderts. In den Ouvertüren zu Daniel-François-Esprit Aubers «La Muette de Portici» wie auch zu Georges Bizets «Le Docteur Miracle» ist der Spieler des zweifach gebogenen Metallstäbchens geradezu im Dauereinsatz. Darin erschöpfen sich allerdings auch...
Schon wenn wir das Freiburger Theater betreten, sitzt er vorm Vorhang. Später streift er wie ein Geist, wie ein lebender Fingerzeig umher, und wenn nicht, lehnt er hinten an Stefan Rieckhoffs Rundhorizont. Herzog Friedrich von Österreich ist immer dabei. Von den Franzosen ermordet, beherrscht er das Fühlen und Trachten seiner Schwester Elena in jedem Augenblick....
Das war knapp. Kurz vor Toresschluss des Wagner-Jahres hat das Staatstheater Nürnberg den Finger gehoben: Ja, auch dort muss ein neuer «Ring des Nibelungen» sein, bis zur Spielzeit 2015/16 wird er geformt. Es ist die dritte bayerische Tetralogie in kurzer Zeit, nach der mäßigen Münchner und der szenisch verunfallten Bayreuther. Und noch immer hallt dabei die...
