Lob der Didaktik

Paris, Schönberg: Ode to Napoleon / Dallapiccola: Il prigioniero

Opernwelt - Logo

Diese Kombination ist neu: Luigi Dallapiccolas «Il prigioniero» und Schönbergs «Ode to Napoleon» an ­einem Abend. Im Pariser Palais Garnier stand das bittere Nachkriegs-Opus auf Lord Byrons in Verse gegossene Abrechnung mit Napoleon am Anfang – ein schonungsloser Blick auf die Folgen der Diktatur. Ein Sprecher rezitiert den wilden Text zu den Klängen eines Streichquartetts und Klaviers, gleichsam im Stil des «Pierre Lunaire», allerdings ohne dessen Exzentrizität.
Lluís Pasqual nimmt das Stück zum Anlass, uns das Dritte Reich im Schnelldurchgang zu erklären.

Roter Vorhang, Glitzerbühne, Cabaret – das ist das Milieu, in dem Dale Duesing nach und nach die Masken fallen lässt. Zunächst erscheint er im Marlene-Dietrich-Outfit, blondierte Perücke, Netzstrümpfe und Federboa inklusive. Dann zieht er die falschen Wimpern ab, hakt das Mieder auf, entledigt sich der künstlichen Locken – ohne je einen Ton des komplexen Vokalparts oder ­einen Laut der beißenden Verse zu verfehlen. Am Ende steht er in der gestreiften Kluft eines KZ-Häftlings da: Die Trennungslinie zwischen edler Unterhaltung und versteckter Grausamkeit ist oft schmal.
Womit die Bühne für «Il prigioniero» bereitet wäre, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2008
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Shirley Apthorp

Vergriffen
Weitere Beiträge
Gounod: Faust

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Welt der Wissenschaft ist ein Kerker: ein schachtartiges schwarzes Halbrund, das Doktor Faust von oben bis unten mit naturwissenschaftlichen Formeln vollgeschrieben hat. Die Welt tätigen Menschenlebens ist aber auch nicht viel besser: ein klinisch weißes Halbrund – ein Altenheim, wie sich herausstellt, eine jener Verwahranstalten, darin...

So fremd, so nah

Hans Werner Henze konnte für die Münchener Biennale, sein 1988 gegründetes Festival für neues Musiktheater, gründlich «proben». In der Toskana hatte er 1976 den «Cantiere d’arte» (Kunstwerkstatt) ins Leben gerufen, den er fünf Sommer lang künstlerisch leitete und organisierte. Danach schuf er ähnliche Projekte in der Steiermark. Dann kam München und bot dem...

Mussorgsky: Boris Godunow

Das letzte Bild ist das berührendste. Allein mit seinem Sohn sitzt Godunow im weißen Nachthemd auf der leeren Bühne. Sein auf der Stufen­pyramide abgelegter Goldmantel rahmt die Szene ein wie eine Ikone, sein golden gefärbtes Gesicht ist erstarrt: ein gebrochener Mann. Matti Salminen gestaltet Boris’ finalen Monolog mit existen­ziellem Ausdruck. Auch in den...