Liedhafte Empfindungen
Ein langer Anlauf, über Beethoven, Meyerbeer, Weber mit einem kurzen Halt bei Bellini – und fertig ist die Wagnertenor-Stimme. Die allerdings heute, bedingt durch falsch verstandene Tradition, gern etwas schwergängig durch die Partituren kreuzt. Michael Spyres, der Polyglotteste, Stilsicherste seiner Zunft, zäumt das Pferd von vorn auf. Denn eine Sache ist es, um diese Entwicklung zu wissen (und, wie im CD-Booklet evident wird, klug darüber zu schreiben). Die andere aber, dies alles auch klanglich zu verdeutlichen.
Genau das tut der US-Amerikaner auf dem Album «In the Shadows». Wie sich Spyres überhaupt in seiner Karriere vorgearbeitet hat von den Stratosphären-Flügen des Belcanto bis zur verblüffenden Demonstration, was sein Fach (das des Baritenors) überhaupt bedeutet. «In the Shadows» ist daher auch die CD zum Terminkalender. Im Sommer debütiert er als Siegmund in Bayreuth, den Tristan hat er in Akt zwei und konzertant schon riskiert. Wir hören auf diesem Album, wie sich die Stimme von Spyres verändert. Das helle, konzentrierte Lodern gibt es nur noch passagenweise. Die feine mezza-voce-Kultur, das schein -bar entspannte Dahinsegeln auf dem Atemstrom, bleibt allerdings Basis ...
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Opernwelt April 2024
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 37
von Markus Thiel
Die Tonart verheißt wenig Gutes. G-Moll, das kündet (im wahrsten Sinne des Wortes) von Trübsal und Tristesse. Und so verzagt, wie Malcolm Martineau die Melodietöne des viertaktigen Vorspiels auf die Tasten tupft, gewinnt man schon einen nachhaltigen Eindruck von dem, was der Dichter wenig später beklagen wird: «Hör’ ich ein Liedchen klingen, / das einst die Liebste...
Die Vokalduette und Vokalquartette von Schubert, Schumann und Brahms führen ein Schattendasein; abseits der Lied-Hochburgen in Heidelberg, Hohenems und Stuttgart begegnet man ihnen kaum je im Konzertsaal. Noch schlechter ist es um die französischen Mélodies À deux voix bestellt, die selbst in ihrem Ursprungsland so gut wie unbekannt sind. Unter diesem Titel haben...
In der russischen Literatur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begegnen uns insbesondere bei Gogol und Dostojewski ganz unheldische Helden, die zuvor kaum je die Aufmerksamkeit der Dichter erregten. Sie entsprechen dem Typus des «armen Beamten». Auffällig ist, dass in vielen der ihnen gewidmeten Geschichten ihre Identität bedroht ist: So trifft in Dostojewskis...
