Over and over und nicht vorbei

Impressionen vom Berliner Festival für brandneues Musiktheater «Schall und Rausch»

Opernwelt - Logo

Sechs Performer in knallblauen Leggins aus Lycra mit engen Tanktops schwingen Arme und Beine zu pulsierenden Lautsprecher-Rhythmen. Mit hochkonzentrierten Gesichtern legen sie eine perfekt synchrone Aerobic-Choreografie hin, an der Grande Dame Jane Fonda ihre helle Freude hätte. Für die zweite Ausgabe des diesjährigen Musiktheater-Festivals «Schall und Rausch» verwandelt das niederländische Theater-Kollektiv Klub Gewalt den Saal einer Neuköllner Brauerei in eine Sporthalle und erfindet kurzerhand ein brandneues Genre: die Workout-Oper.

Während die Darstellerinnen und Darsteller schwitzen, erzählen sie polyphon singend die Geschichte des niederländischen Ringturn-Weltmeisters und Medienstars Yuri van Gelder. In rasantem Tempo werden die Stationen eines typisch tragischen Sportlerlebens heruntergerattert: von bescheidenen Anfängen über Weltruhm bis zu Dopingskandalen und dem unvermeidlichen Abstieg. «Yuri» ist eine gut gelaunte und vor Ironie triefende Abrechnung mit dem leeren Ehrgeiz einer hyperindividualistischen Leistungsgesellschaft. «I am a goal getter. Setting goals is a major goal of life», ächzt das Kollektiv, während es angestrengt auf der Stelle marschiert. Anschließend, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2024
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Anna Schors

Weitere Beiträge
Verachtung

Was der Mensch sei? Es ließe sich diese ewig ungelöste Frage auf sehr verschiedenartige Weise beantworten. Die pessimistische Variante wäre diejenige, die sich auf Dichter, Dramatiker und Denker von Sophokles über Hobbes, Kant, Hölderlin und Schopenhauer bis zu Gottfried Benn beruft und den Menschen als Ungeheuer in den imaginären Raum der Geschichte stellt. Man...

Geben und nehmen

Die Vokalduette und Vokalquartette von Schubert, Schumann und Brahms führen ein Schattendasein; abseits der Lied-Hochburgen in Heidelberg, Hohenems und Stuttgart begegnet man ihnen kaum je im Konzertsaal. Noch schlechter ist es um die französischen Mélodies À deux voix bestellt, die selbst in ihrem Ursprungsland so gut wie unbekannt sind. Unter diesem Titel haben...

Im Garten der Verlockungen

Schon Hermann Bahr wusste es: «Was zieht im Theater? Was den Frauen gefällt. Was gefällt den Frauen? Was von ihrer Sache handelt. Was ist ihre Sache? Was sie Liebe nennen.» Zwar galt die ätzende Bemerkung des Schriftstellers und Kritikers der Komödie «Candida» von George Bernard Shaw, doch darf man sie durchaus auch auf die Operette beziehen, als aphoristisches...