Liebeszauber, Wüstenleid
Zwei Schwestern. Schön, reich und mächtig, von Männern umschwärmt, von Dienern umsorgt. Zwei Schwestern – alt, grau und einsam, verloren in Erinnerungen beim Betrachten eines ausgestopften Tieres hinter Glas.
Katie Mitchell inszeniert zum vierten Mal in Aix. Auch für Händels «Alcina» nutzt sie einen vielfach geteilten Raum, lässt mehrere Szenen gleichzeitig ablaufen. Chloe Lamford hat ihr ein zweistöckiges Gebäude auf die Bühne des Grand Théâtre de Provence gestellt. Im Zentrum das Schlafzimmer, in dem Alcina und Morgana ihre Bettgeschichten ausleben.
Dienstboten gehen ihnen selbst beim Schäferstündchen noch zur Hand: ein monströses Uhrwerk organisierter Intimität. Reichen Sextoys ins Gemenge, lernen gar den neuen Liebhaber an. Die als SEK-Offizier verkleidete Bradamante gerät nämlich gehörig aus dem Konzept, als man ihr eine Gerte in die Finger drückt – Morgana braucht Erniedrigung, um auf Touren zu kommen. Alcina hingegen will von Ruggiero bloß, dass er sich auf den Rücken wirft und gründlich benutzen lässt. Erst später wagt sie selbst, sich Zärtlichkeiten hinzugeben. Da hat die Erosion ihres fragilen Imperiums längst begonnen.
Links und rechts des Schlafzimmers befinden sich ...
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Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Wiebke Roloff
Beim letzten und bisher einzigen Mal Oper waren die Beteiligten reif für die Kollektivbeichte. Ausgerechnet hier, wo das Leiden des Herrn seit einem Pestgelübde nachgestellt wird, ließ Salome ihre sieben Schleier fallen – damals, 1996, im Rahmen der Richard-Strauss-Tage und als Besuch des Mariinsky-Theaters mit Valery Gergiev. Nur alle zehn Jahre das Theater zur...
Sicher, Pesaro geht in Sachen Rossini weiter mit Riesenschritten voran. Aber «Rossini in Wildbad», das kleine Gegenstück im Nordschwarzwald, belegt ebenso unangefochten einen ehrenvollen zweiten Platz. Und als Raritätenschürfer betätigen sich beide Festivals. «L’inganno felice» («Der glückliche Betrug»; Venedig, 1812 – der Komponist war noch keine 20) stand 2005...
Fünf Holzstühle, vorn rechts. Fünf Grablichter. Vor jedem Stuhl eines. Sonst ist nichts zu sehen, wenn zu Beginn des dritten Aufzugs die Streicher trauertrunken, «mäßig bewegt», in sehrendem Klageton verkünden, dass dem liebesglühend-todessüchtigen Paar auf Erden wohl nicht mehr zu helfen ist. Kareol liegt im Dunkel. Im opaken Dunst eines Nirgendwo. Zum leeren...
