Liebeszauber, Wüstenleid

In Aix-en-Provence sorgen Katie Mitchell mit Händels «Alcina» und Ana Sokolovic mit ihrer A-cappella-Oper «Svadba» für Höhepunkte. Martin Kusejs schon im Vorfeld diskutierte «Entführung» hingegen bleibt im Sand stecken

Opernwelt - Logo

Zwei Schwestern. Schön, reich und mächtig, von Männern umschwärmt, von Dienern umsorgt. Zwei Schwestern – alt, grau und einsam, verloren in Erinnerungen beim Betrachten eines ausgestopften Tieres hinter Glas.

Katie Mitchell inszeniert zum vierten Mal in Aix. Auch für Händels «Alcina» nutzt sie einen vielfach geteilten Raum, lässt mehrere Szenen gleichzeitig ablaufen. Chloe Lamford hat ihr ein zweistöckiges Gebäude auf die Bühne des Grand Théâtre de Provence gestellt. Im Zentrum das Schlafzimmer, in dem Alcina und Morgana ihre Bettgeschichten ausleben.

Dienstboten gehen ihnen selbst beim Schäferstündchen noch zur Hand: ein monströses Uhrwerk organisierter Intimität. Reichen Sextoys ins Gemenge, lernen gar den neuen Liebhaber an. Die als SEK-Offizier verkleidete Bradamante gerät nämlich gehörig aus dem Konzept, als man ihr eine Gerte in die Finger drückt – Morgana braucht Erniedrigung, um auf Touren zu kommen. Alcina hingegen will von Ruggiero bloß, dass er sich auf den Rücken wirft und gründlich benutzen lässt. Erst später wagt sie selbst, sich Zärtlichkeiten hinzugeben. Da hat die Erosion ihres fragilen Imperiums längst begonnen.

Links und rechts des Schlafzimmers befinden sich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Wiebke Roloff

Weitere Beiträge
Ringen um Rossini

Ob der ernste oder der halb­ernste – Rossini gilt in erster Linie als Sängerfutter. Deshalb geben sich Intendanten und Impresari meist damit zufrieden, um ein paar Vokal-Stars herum dekorative Arrangements zu schaffen. Zu selten werden die szenischen Herausforderungen, die in den Stücken stecken, von Regisseuren angenommen. In Pesaro bot vor zwei Jahren die...

Wunde Punkte

Seit seiner Gründung hat das Santa Fe Opera Festival in der Wüste New Mexicos immer wieder amerikanische Erst- und Uraufführungen auf die Bühne gebracht. Dieses Jahr stand Jennifer Higdons «Cold Mountain» – nach Charles Fraziers 1997 erschienenem Epos – auf dem Programm. Nicht das einzige Bürgerkriegsstück in dieser Spielzeit: Vor 150 Jahren ging der...

Disziplinierter Expressionismus

Nach Alben mit Arien und Szenen von Wagner und Verdi erweitert Jonas Kaufmann sein diskografisches Spektrum großer Tenorpartien nun um Ausschnitte aus Opern Puccinis. In einigen Partien ist er weltweit erfolgreich im Einsatz, als Cavaradossi schon seit einigen Jahren, in jüngster Zeit auch als Dick Johnson in «La fanciulla del West» und vor allem als Des Grieux in...