Liebeslieder für die Ewigkeit
Der weise Augustinus hatte ein höchst ambivalentes Verhältnis zur Musik. Einerseits war sie ihm verwerflicher sinnlicher Genuss, eine nachgerade unsittliche tentatio, andererseits bekannte er, eben dieser Versuchung, dem verführerischen Reiz des Klingenden, in schwachen Augenblicken zuweilen zu erliegen. Blaise Pascal wiederum sah darin eine logique du cœur; für ihn war die liebende Haltung zum Gegenstand gleichbedeutend mit der wahren Erkenntnis dieses Gegenstandes.
«Das Herz», schlussfolgerte der französische Philosoph, «hat seine Vernunftgründe, welche die Vernunft nicht kennt». Erst die Liebe mache sehend. Sei sie profan oder heilig.
Man darf mit Recht annehmen, dass sich der gute Pascal mit dem größten Behagen zurückgelehnt hätte, wäre er in den Genuss einer Aufnahme gekommen, welches bereits qua Titel eine Hommage an die schönste Empfindung darstellt: «amor eterno», heißt es und versammelt französische, italienische und spanische Monodien, Madrigale, Villanellen und Airs de Cour von der frühesten Renaissance bis zum Barock. Und schon zum Auftakt dieses klug konzipierten Albums («Feuillages verts, naissez» aus den «Brunettes» von Marc-Antoine Charpentier) vermeint man ...
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Opernwelt April 2026
Rubrik: Medien, Seite 35
von Jan Verheyen
Entspringt es mangelnder Spielplanabsprachen zwischen den Intendanzen oder einem tieferen gesellschaftlichen Anliegen, dass derzeit Francis Poulencs Tragödie «Dialogues des Carmélites» landauf, landab, zwischen Dresden, Karlsruhe, Nancy und demnächst in Stuttgart zu sehen ist? Wollen sich auch kleinere Opernhäuser mit dem Etikett «Erstaufführung» schmücken? Oder...
Dieser «Wozzeck» ist ein Naturereignis – in doppeltem Sinne. Zum einen gilt das für die ganze Aufführung: Im Nu ist man gefangen in einer düsteren Phantasmagorie, einer dunklen Welt mystischen Leidens voll süßer Schmerzen und gruseliger Rätsel, in der Verschwisterung mittelalterlicher und neuzeitlicher, im wahrsten Sinne brand -aktueller Dystopien, die optisch an...
Am Anfang war das heilige Wort, am Ende steht das losgelassene Mundwerk: Auf diese laxe Formel könnte man die 1000-jährige Entwicklung von der einstimmigen Gregorianik zur experimentellen Avantgarde der Gegenwart bringen, die das Wort zertrümmert, seine Semantik negiert und es in seine phonetischen wie akustischen Bestandteile zerlegt. Das Singen selbst wird zu...
