Liebe auf der Flucht

Philipp Grigorian wagt mit seiner Inszenierung von Händels «Serse» in Gießen viel und gewinnt am Ende, Vladimir Yaskorski assistiert im Graben mit Augenmaß

Opernwelt - Logo

Heinrich Heine wusste sehr wohl, wie kompliziert es um die allerschönste Hauptsache der Welt meist bestellt ist: «Ein Jüngling liebt ein Mädchen, / die hat einen andern erwählt; / der and’re liebt eine and’re, / und hat sich mit dieser vermählt.» Zahllos sind die Dramen, in denen diese Konstellation in vielen Variationen zu veritablen Verwicklungen, Verirrungen und Verwundungen führt; zu ihnen zählt auch Händels «Serse», der am 15. April 1738 im King’s Theatre an Londons Haymarket herauskam.

Wobei der Jüngling in diesem Fall ein König ist, ein berühmter dazu: Xerxes übte seine Herrschaft im fünften Jahrhundert vor Christi Geburt aus. In einem der späten Bühnenwerke des anglifizierten Barockkomponisten (seit 1727 besaß der Sachse Händel auch die englische Staatsbürgerschaft) lässt er sich von seiner Leidenschaft für die liebreizende Romilda zu einem Dasein verführen, das dem Kriegshelden in ihm puschelige Pantoffeln an die Füße schraubt und ihn überdies in einen Oblomow verwandelt, der dem hegemonialen Bestreben eines Staatsmannes kaum mehr etwas abgewinnen mag. Schlimmer noch: Nicht nur Ariodates Tochter begehrt der Müßiggänger, auch einer Platane wendet sich sein heftiges Begehren ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 30
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Lichter Eros, schwarze Melancholie

Es ist keine Schande, den Namen von Rita Strohl noch nie gehört zu haben. Auch einschlägige Lexika kennen ihn nicht – ein Schicksal, das Debussys Zeitgenossin mit vielen Komponistinnen teilt. Wie ihr berühmter Landsmann stand Strohl im Bann des Symbolismus und damit fest in der französischen Tradition, war zugleich aber eine glühende Anhängerin Wagners. Sie begann...

Die Sehnsucht, im Moment zu sein

Etwas ist anders als sonst. Nicht die Tonart, das trüb vor sich hin sinnierende g-Moll klingt auch an diesem Recital-Abend auf Schloss Weißenbrunn trüb. Und auch die Worte, mit denen der Dichter sein «übergroßes Weh» bekundet, welches ihn befallen hat, sind dieselben: «Hör’ ich ein Liedchen klingen, das einst die Liebste sang, so will mir die Brust zerspringen von...

Schwanengesang

Wäre dieser Zyklus ein Berg, man läge gewiss kaum falsch, wenn man ihn mit dem Mount Everest vergleichen würde. Strauss’ «Vier letzte Lieder» auf Verse Hermann Hesses und Joseph von Eichendorffs sind der einsame, für viele unerreichbare Gipfel spätromantischer Liedkunst, gleichsam deren exzentrisch-introspektiver Epilog. Tiefliegende Empfindsamkeit verbindet sich...