Schwanengesang
Wäre dieser Zyklus ein Berg, man läge gewiss kaum falsch, wenn man ihn mit dem Mount Everest vergleichen würde. Strauss’ «Vier letzte Lieder» auf Verse Hermann Hesses und Joseph von Eichendorffs sind der einsame, für viele unerreichbare Gipfel spätromantischer Liedkunst, gleichsam deren exzentrisch-introspektiver Epilog. Tiefliegende Empfindsamkeit verbindet sich darin mit höchstem technischen und interpretatorischen Anspruch. Das haben – mit zum Teil sehr unterschiedlichen Resultaten – auch die jüngeren Annäherungen beglaubigt.
Lise Davidsen tat sich keinen großen Gefallen damit, ihrer Lesart mangelte es trotz vokalen Volumens schlichtweg (noch) an der nötigen Textverständlichkeit. Rachel Willis-Sørensen und Diana Damrau bewältigten die heikle Aufgabe weit besser und griffiger: Erstere mit einem nachgerade expressionistischen Ansatz, der in Teilen an Jessye Norman gemahnte, Letztere mit einer «Rosenkavalier»-gleichen Leichtigkeit, bei der Elisabeth Schwarzkopf und Gundula Janowitz als Patinnen im Hintergrund sichtbar wurden. Nun hat sich auch Asmik Grigorian dem «Berg» angenähert. Doch nicht nur einmal. Die derzeit vielleicht aufregendste Sängerin, als Salome ohne -hin schon fast eine Legende, singt die «Vier Letzten» gleich zweimal – einmal mit Orchester, wie es ihr Schöpfer vorsah, und einmal mit Klavier. Ein kühner Ansatz, denn im direkten Vergleich beider Versionen hat das posthum herausgegebene Arrangement keine Chance; mag der Tod hier auf leiseren Sohlen kommen, der Abschied introvertierter klingen, die Farbenvielfalt der Originalfassung wird hier nur in Schemen und Chiffren deutlich, zumal mit Markus Hinterhäuser ein Pianist agiert, der sein Heil vorwiegend im doppelten Pedalnebel sucht – mit dem rechten verschleiert er Konturen, mit dem linken versucht er Geheimnisse, die von der Gesangsstimme längst preisgegeben wurden, noch einmal zu ergründen.
Wie anders tritt dagegen das Orchestre Philharmonique de Radio France unter der filigran-feinfühligen Leitung von Mikko Franck als Akteur in Erscheinung: klangerfüllt und doch transparent bis in die Mittelstimmen hinein, blühend, zugleich beredt, dem Wortsinn folgend, mit unzähligen dynamischen Valeurs, einer trennscharf-schlanken, ausgeklügelten Artikulation und dabei immer im Dienst der Solistin, mit einem Wort: als sensibler Partner. Der auch nötig ist bei einer Künstlerin, die auch auf der Opernbühne die Extreme sucht, die sich keineswegs damit begnügt, Perlenketten aus zartbesaiteten Tönen zu bilden, sondern zum Kern des Ganzen vorzudringen sucht. Man kann das schon im ersten Lied «Frühling» bei ihrem ersten Einsatz förmlich spüren: Grigorians Stimme klingt hier wirklich so, als sei sie zu Gast «in dämmrigen Grüften». Wie eine bleiche Königin, von Düsternis verschattet singt sie diese Passage, aber nur, um gleich darauf der Enge zu entweichen und in jene Traumlandschaft einzutauchen, die dem Dichter vorschwebte, und um aufzusteigen in jene «blauen Düfte», die vom Aroma der (oder des) Geliebten und vom «Vogelgesang» verbreitet werden. So wie der «Duft» aufsteigt in ätherische Gefilde, so tut es auch Grigorians Stimme, aber nicht mit Grandezza, sondern fast fragil; die zweigestrichenen Höhentöne gis, a, ais und schließlich h (beim Wort «Wunder») wirken beileibe nicht souverän. Aber gerade darin liegt die höhere Kunst: dass hier ein Mensch singt, der sich seiner Vergänglichkeit bewusst wird und das Les Adieux als einen Akt melancholischer Wehmut versteht. Hierin zeigt sich ein Grundzug von Grigorians Kunstverständnis: Es geht ihr nie um blitzblanke Töne, um vokale Brillanz, sondern immer um Durchdringung des Stoffes, und sei dies auf Kosten einer technischen Makellosigkeit; es geht darum, die Zeit zurückzudrehen und jene seltsame Stimmung wiederaufleben zu lassen, die im Fall der «Vier letzten Lieder» eben eine Nachkriegsstimmung war. Wenn aber, wie im Lied «September» Blatt um Blatt «golden tropft», dann weicht auch in Grigorians Stimme für Augenblicke der Schimmer einem metallischen Glanz, bevor der Sommer wieder «erstaunt» und «matt» lächelt. Diese Müdigkeit in Töne zu fassen, vermag niemand so glaubhaft wie sie. Und wenn dann, im einzigen Eichendorff-Lied «Im Abendrot», der Tod um die Ecke blinzelt, klingt auch das finale ces so betrübt, als ginge gleich die Welt unter. Das ist fatal. Aber in seiner Fatalität eben auch grandios gelöst.
STRAUSS: VIER LETZTE LIEDER
Asmik Grigorian (Sopran), Markus Hinterhäuser (Klavier), Orchestre Philharmonique de Radio France, Mikko Franck Alpha Classics 1046 (CD); AD: 2022/23
VERLOSUNG Am 11. April um 10 Uhr verschenken wir 5 Exemplare dieser CD-Box an die ersten Anrufer: 030/25 44 95 55
Opernwelt April 2024
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 33
von Jürgen Otten
Was der Mensch sei? Es ließe sich diese ewig ungelöste Frage auf sehr verschiedenartige Weise beantworten. Die pessimistische Variante wäre diejenige, die sich auf Dichter, Dramatiker und Denker von Sophokles über Hobbes, Kant, Hölderlin und Schopenhauer bis zu Gottfried Benn beruft und den Menschen als Ungeheuer in den imaginären Raum der Geschichte stellt. Man könnte aber auch in die...
Sechs Performer in knallblauen Leggins aus Lycra mit engen Tanktops schwingen Arme und Beine zu pulsierenden Lautsprecher-Rhythmen. Mit hochkonzentrierten Gesichtern legen sie eine perfekt synchrone Aerobic-Choreografie hin, an der Grande Dame Jane Fonda ihre helle Freude hätte. Für die zweite Ausgabe des diesjährigen Musiktheater-Festivals «Schall und Rausch» verwandelt das...
Unter den Töchtern Vincenzo Bellinis gilt sie als die unscheinbarste. Weder besitzt sie die Anmut einer Amina, Bianca oder Elvira, noch den Zauber einer Zaira oder Agnese (Kosename: Alaide); auch eignet ihr kaum das (sich ins Tragische wendende) jugendliche Unbekümmerte Giuliettas, die Sanftmut einer Imogene oder das Flammend-Heroische der schönen Norma. Beatrice di Tenda sitzt, obschon...
