Die Sehnsucht, im Moment zu sein

Wenn sie singt, hält die Welt den Atem an; wenn sie an ihre Heimat denkt, wird sie traurig. Ein Porträt der ukrainischen Sopranistin Kateryna Kasper

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Etwas ist anders als sonst. Nicht die Tonart, das trüb vor sich hin sinnierende g-Moll klingt auch an diesem Recital-Abend auf Schloss Weißenbrunn trüb. Und auch die Worte, mit denen der Dichter sein «übergroßes Weh» bekundet, welches ihn befallen hat, sind dieselben: «Hör’ ich ein Liedchen klingen, das einst die Liebste sang, so will mir die Brust zerspringen von wildem Schmerzensdrang.» Nein, es sind zwei Dinge, die den feinen Unterschied ausmachen: der Klang des Flügels und der Klang der Stimme.

Dmitry Ablogin entlockt seine zarten Sechzehntel-Arabesken einem Pleyel-Fortepiano von anno 1836, und nicht ein Mann ist es, wie sonst üblich, der Heinrich Heines, von Robert Schumann kongenial vertonten Liebesschmerz mit intensiven, wie auf Wolken schwebenden, sich in die Seele brennenden Tönen in die Welt hinaussendet. Es ist eine Frau. Eine, von der man noch viel hören wird.

Es ist immer schwer, eine Stimme zu beschreiben, deren Gesang auf solch irrlichternde Weise betört, die Sprache stößt hier schnell an ihre Grenzen. Das gilt auch für den Sopran von Kateryna Kasper, der im Grunde aus lauter Gegensätzen besteht. Das hauchzarte Timbre beispielsweise scheint einem lavagleich glühenden Kern zu entspringen, vielleicht wohnt es sogar auf diesem winzigen «Planeten» und bezieht seine Nahrung von dort. Die hoch -poetische Ausdrucksenergie, die nicht selten das Fragile streift, paart sich mit einer robusten Technik, die selbst noch in den Fiorituren und Appogiaturen einer Barock-Arie als gehärtet erscheint.

Um das zu verstehen, empfiehlt es sich, eine Reise in die Ukraine zu unternehmen, ins Zentrum des Donbass, genauer: nach Donezk. Dort wurde Kateryna Kasper geboren, dort erfuhr sie ihre musikalische Sozialisation. Die erste wichtige Lehrerin Raisa Kolesnik – auf die später, in Deutschland, noch Edith Wiens («eine Fee») und Hedwig Fassbender («eine starke Persönlichkeit») folgten – war eine in ihrem Land berühmte Koloratursopranistin, von ihr hat Kateryna Kaspar vor allem gelernt, jeden Klang, den sie kreiert und formt, «vorauszuhören». Und auch, wie wesentlich Bühnenpräsenz ist, die enge Kommunikation mit dem Publikum – und, so banal es klingen mag, «die Freude am Singen». Singen, sagt die Sopranistin, sei für sie eine Art Lebenselexier. Etwas Existenzielles: und der Motor, der sie antreibt, «die Sehnsucht, im Moment zu sein».

Man kann das hören. Am Abend zuvor hat sie im Wiener Museumsquartier, der (akustisch nicht unproblematischen) Ausweichspielstätte des MusikTheaters an der Wien, die männliche Titelrolle in Händels früher Serenata «Aci, Galatea e Polifemo» gesungen, nur einen Tag, nachdem sie aus Montreal über den atlantischen Teich geflogen kam. Die Anstrengung ist nicht spürbar, der Wille zu einer ausziselierten Rollengestaltung indes schon. Jeder Ton liegt hier auf der Goldwaage, jede Phrasierung ist präzise, jede Atmung auf Händels Musik, ihren Puls abgestimmt. Und wenn Aci dann von jenem «flatternden Vogel» singt, den er anhimmelt, dann denkt man bei sich: Genau! Das ist sie – ein mild und frei am Himmel hin und her flatternder Vogel, der einen schönen Ton nach dem anderen auf die Erde herabsinken lässt.

Einer ist da, der hat das früh erkannt – René Jacobs. Ihr Mentor, in gewisser Weise auch ihr Agent. Ihm verdankt Kateryna Kasper viel, das merkt man in jedem Satz. Sie bewundert diesen Musiker und Musikologen, der in jede Partitur nicht nur die von ihm gewünschten Verzierungen einträgt (die man, erzählt die Sängerin, aber durchaus noch variieren darf, wenn es ihm denn logisch erscheint), sondern gleich das kulturhistorische Panorama mit hineinschreibt, im Fall von «Aci, Galatea e Polifemo» den mythischen Hintergrund. Als Kateryna Kasper 2012 nach Deutschland kommt, sind es vor allem Jacobs’ Interpretationen, die sie als Referenzaufnahmen begreift, vor allem seine Lesart der Mozart-Opern «Le nozze di Figaro» und «Die Zauberflöte». Für die junge Sängerin ist der Mann, der sie verantwortet, «eine Inspiration». Als René Jacobs eines Tages ein YouTube-Video mit ihr anklickt (eine Poulenc-Arie), engagiert er die junge Sopranistin quasi vom Fleck weg für seine «Freischütz»-Aufnahme – als Ännchen, eine Rolle, die sie schon während des Studiums häufig gesungen hat. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Künstler und Künstlerin. Und er ebnet Kateryna Kasper den Weg auf einige große Bühnen.

Doch sie hebt nicht ab. Nicht eine Sekunde lang. Und auch das hat mit ihrem Naturell (das Empfindsamkeit und Bodenständigkeit mit einer gewissen Scheu verbindet) und mehr noch mit ihrer Geschichte zu tun. Wer seine Heimat kurz nach der Silvesternacht 2014 verlässt (sie erwischt einen der letzten Flüge vom kurz darauf zerstörten Flughafen «Sergej Prokofjew» in Donezk) und seitdem aus vielen verschiedenen Gründen nicht mehr dorthin zurückkehren konnte, wird das Leben wohl kaum als ein Wunschkonzert begreifen. Und wer zwei Söhne im Alter von sieben und fünf Jahren hat, weiß ohnehin, dass das Leben auch noch anderes bietet als üppige Blumensträuße nach dem Schlussapplaus und Autogramm-Minuten am Bühneneingang. Vielleicht ist Kateryna Kasper auch deswegen noch fest an der Oper Frankfurt engagiert, wo sie 2012 ins Opernstudio kam und zwei Jahre später Ensemblemitglied wurde.

Frankfurt ist die zweite Heimat, dort lebt sie mit ihrem Mann, einem Cellisten und Neurowissenschaftler, den sie bei der Internationalen Bachakademie Stuttgart kennengelernt hat (bei einem von Helmuth Rilling geleiteten Konzert mit Brittens «War Requiem»), den gemeinsamen zwei Kindern und ihrer Mutter, die nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine fliehen konnte. So etwas erdet. Höhenflüge unternimmt Kateryna Kasper nur auf der Bühne (die für sie eine «Spielwiese» ist, ein Ort, «an dem es all das gibt, was es im normalen Leben nicht gibt»). Beispielsweise als Angelica in Händels «Orlando», wo sie in der vergangenen Saison auch deswegen brillieren konnte, weil Regisseur Ted Huffman in seiner asketisch-konzentrierten Inszenierung den Gesangssolistinnen und -solisten sehr viel Möglichkeit zur Entfaltung zugestand, oder auch als Venus ins Mozarts serenata teatrale «Ascanio in Alba» im Bockenheimer Depot, der Zweitspielstätte der Oper Frankfurt und – wie sollte es anders sein: an der Seite von René Jacobs – als Arianna in Vivaldis «Giustino» an der Staatsoper Berlin, wo sie mit ihrer noblen, verführerisch wandelbaren Stimme Publikum und Kritik gleichermaßen begeistert.

Nicht zu vergessen das Lied. Es ist ihr nachgerade heilig. Und es liegt ihr nahe, ihrer Art zu singen, ihrer Art zu sein. Eine Primadonna assoluta wird Kateryna Kasper wohl nie werden (und es steht zu vermuten, dass sie dergleichen auch gar nicht anstrebt). Wenn sie aber, von ihrem fabelhaften Pianisten Dmitry Ablogin gleichsam auf Klavierhänden getragen, ein Lied von Robert Schumann, Felix Mendelssohn oder Fanny Hensel singt (die Aufnahme mit ausgewählten Liedern des Geschwisterpaars «Ein süßes Deingedenken» wurde 2018 völlig zu Recht mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet), geht buchstäblich die Sonne auf. Und dann spielt es auch überhaupt keine Rolle mehr, wer das Alter Ego des Dichters ist, ein Mann oder eine Frau oder wer auch immer. Es ist die zartbesaitete Seele, die sich hier, von samtweichen Tönen eingekleidet, couragiert und offen entäußert. Mal lachend, mal weinend, mal scherzend, mal sinnierend. Aber immer so, wie Heinrich Heine eines seiner schönsten Gedichte betitelte – «Auf den Flügeln des Gesangs».


Opernwelt April 2024
Rubrik: Porträt, Seite 62
von Jürgen Otten

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