Lauter Übergänge
Am Ende bricht Boris im Parlament zusammen. Nikolai Putilin, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Boris Jelzin aufweist, hatte an diesem Abend nach schwachem Beginn dem Zaren doch noch klares Profil geben können. Besonders in der Wahnsinnsszene des letzten Bildes, als Godunow von Schujskij – strahlkräftig, aber zu unkontrolliert: Yevgeny Akimov – abermals mit der dunklen Vergangenheit konfrontiert wird. Da mobilisiert Putilin alle Facetten seines farbsatten Bassbaritons – und dieser Boris ist uns plötzlich ganz nahe.
Sein Schmerz über den Mord am Zarewitsch Dimitri, den er selbst angeordnet hatte, frisst sich nach innen. Auch Valery Gergiev verzichtet mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters St. Petersburg auf Effekte, demonstrativ geschärfte Kontraste, hebt vielmehr den dunkel getönten Streicherklang hervor – und evoziert so die aufziehende Nacht um eine zerrissene Persönlichkeit. Als Boris tot ist, legt das Volk so viele Blumen-kränze auf dem Körper nieder, dass er nicht mehr zu sehen ist. Ob Fjodor, der schmächtige Sohn (mit heller Knabenstimme: Ivan Khudyakov), der völlig verstört am Rednerpult steht, dieses Russland weiterregieren wird, weiß niemand zu sagen.
Gergiev hat für die ...
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Opernwelt September/Oktober 2012
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Georg Rudiger
Der Polizeichef von Venedig singt mit hoher Sopranstimme. Vor TV-Kameras und Rundfunkmikros gibt er sich absolut sicher: Die Brandstifter werden gefasst. Seine Musik kommt uns irgendwie bekannt vor. Genauer: seine elegant durch Oktaven tänzelnde Melodie. Die Harmonien freilich reiben mehr im Ohr als gewohnt, und auch mit dem Rhythmus stimmt etwas nicht. In Ligetis...
«Diabolus in musica» lautete im Sommer 2005 die Losung für das seit 1990 alljährlich in der Emilia Romagna stattfindende Ravenna Festival. Damals dirigierte Riccardo Muti eine konzertante Version von Hindemiths Einakter «Sancta Susanna», gepaart mit Beethovens Violinkonzert op. 61, der Solist war Vadim Repin. Die 23. Saison stand nun unter einem aus Hindemiths...
Das Jurastudium, die Annäherung an die Architektur, die Banklehre und auch der Delikatessenhandel – all das war nichts für den jungen Herrn aus großem Hause. Einhunderttausend Budapester Juden zu retten – diesen Ruhm erwarb sich der schwedische Amateurdiplomat Raoul Wallenberg dagegen mit vollem Recht, auch wenn sein NS-Gegenspieler Eichmann es allein in Ungarn...
