Mitteldeutscher Mittelbarock
Box-wer? Ich starre angestrengt auf die Daten meiner nächsten Reise und warte darauf, dass aus den Untiefen meines Gedächtnisses irgendetwas auftaucht – unbemerkt erworbenes Randwissen vielleicht, man darf ja hoffen. Vergebens. Auch der Gang in die Bibliotheken fördert wenig zutage. Boxberg, Christian Ludwig, 1670-1729, Verfasser einer Oper mit dem Titel «Sardanapalus», ein Komponist der vernachlässigten Generation zwischen Schütz, Schein, Scheidt und Bach und Händel: mitteldeutscher Mittelbarock.
In den Gründungsjahren der Leipziger Oper bemühte er sich auf jede erdenkliche Art um deren Wohl, war Sänger, Librettist, Dirigent und Komponist, bis ihm ein Streit die Lust an der Sache verdarb, und zwar so gründlich, dass er sich als Organist nach Görlitz zurückzog, in der Welt der Oper nicht mehr gesehen ward (drei Kantaten sind bei Carus verlegt – immerhin). «Sardanapalus» blieb durch einen Glücksfall erhalten: 1698 reiste das Leipziger Ensemble nach Ansbach und gab dort zwei Werke Boxbergs zum Besten. Eine Partitur überlebte in der Schlossbibliothek, wo sie vor rund hundert Jahren das Interesse des forschungsfrohen Promotionskandidaten Hans Mersmann weckte – zu Recht, denn es handelt ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2012
Rubrik: Magazin, Seite 90
von Wiebke Roloff
Das auch im Denglischen gern benutzte Modewort «Package» steht im Operngeschäft für die Gesamtausstrahlung eines Sängers: Stimmtechnik, Timbre sowie Persönlichkeit und die Fähigkeit, sich zu «verkaufen». Wobei die beiden letzteren Eigenschaften gern verwechselt werden. Und es sind auch vor allem diese beiden, die häufig bei der Beurteilung von Sängern in den...
Seit 2003 wird das Wasserschloss Hallwyl im Kanton Aargau alle drei Jahre zur Kulisse einer Operninszenierung. Diesmal stehen für den «Barbiere di Siviglia» Bücher auf der Bühne, zwei, drei, vier Meter hoch: Brontës «Jane Eyre» und «The Professor», Austens «Sense and Sensibility», dazu als abgründiger Einschub die «Medea» des Euripides (Reclam-Ausgabe). Außerdem...
Calixto Bieito hat wieder einmal zugelangt und in seiner Inszenierung von Jean-Philippe Rameaus ballet bouffon «Platée» die Hosen heruntergelassen. Bieito erzählt die Geschichte der hässlichen Sumpfnymphe Platée, die zum Spaß mit Jupiter verkuppelt und bei Rameau von einem Tenor dargestellt wird, als die Geschichte eines (von Thomas Walker glänzend gespielten,...
