«La femme, c’est moi»

Nicht erst seit ihrem Abschied von der Opern- und Konzertbühne Ende 2021 ist Elisabeth Kulman als eine Künstlerin hervorgetreten, die das System stark kritisiert. Schon zuvor übte sie sich als Mahnerin und legte Missstände offen – mit dem Ergebnis, dass sich nichts geändert hat. Ein Gespräch über künstlichen Mangel, Machtmissbrauch und die zeitlose Magie des Gesangs

Opernwelt - Logo

Frau Kulman, erinnern Sie sich noch an Ihren letzten Bühnenauftritt?
Natürlich! Das war am 19. Dezember 2021 in Bamberg, ein Abend mit den Bamberger Symphonikern unter der Leitung von Jakub Hrůša. Das Haus war wegen Corona nur zu einem Drittel gefüllt. Ich habe ein eigenes Wunschprogramm gesungen und am Ende Mahlers «Wunderhorn»-Lied «Urlicht». Und dann war Schluss.

Sind Sie nun eine gewesene Sängerin?
Ja, es fühlt sich schon ein bisschen so an.

Allerdings habe ich noch viele Kontakte zu befreundeten Künstlerinnen und Künstlern, die wissen, was in unserem «Job» schiefgelaufen ist – und nach wie vor schiefläuft. Auch nehme ich weiterhin Anteil an dem, was Sängerinnen und Sänger im Opernbetrieb erleben. Die Missstände, die zu meinem Ausstieg geführt haben, sind ja nach wie vor nicht behoben; viele meiner Kolleginnen und Kollegen sind damit weiterhin konfrontiert. In diesem Sinn fühle ich mich ihnen eng verbunden. Aber ich selbst verspüre überhaupt keine Sehnsucht, wieder auf die Bühne zu gehen. Ich bin wohl immer noch ein bisschen traumatisiert.

Was konkret hat Sie traumatisiert?
Ich bin ein Mensch, der sich sehr genau beobachtet. Wenn ich mir Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Interview, Seite 38
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Vorschau und Impressum 7/24

Große Stimme
Ihren Durchbruch feierte sie 2008 als liebende Kriegerin in Othmar Schoecks «Penthesilea». Seither eilt Tanja Ariane Baumgartner von Erfolg zu Erfolg und gilt inzwischen völlig zu Recht als einer der führenden Mezzosoprane unserer Zeit. Darstellerische Klugheit verbindet sich dabei mit einer warmtönenden und facettenreichen Stimme. Ihre Spezialität...

Kammerspiel

Die Artikulation funktioniert anfangs nicht. Noch sind es nur Vokalisen in hoher Lage – wie es eben so klingt, wenn man Jahrhunderte lang in einem arktischen Eisblock eingefroren war. Und auch später, mit wiedergewonnener Sprache, wird sich Ice, so nennt sich die aufgetaute Frau, meist oberhalb des Notensystems bewegen. Es ist ein Fang der geheimnisvollen Art, den...

Operettenseligkeit

Auch Erfolge können altern. Bertolt Brechts und Kurt Weills «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny» jedenfalls hat in Stuttgart einen faden Nachgeschmack hinterlassen. Das diabolische Spiel, das Brechts gleichermaßen opern- wie kapitalismuskritischer Text hier auftischt, und das diabolische Vergnügen, das Weills kulinarisch schmissige Musik dagegen setzt, finden –...