Kunst und Ritual

Christoph Schlingensief hat bis ans Ende seines viel zu kurzen Lebens fasziniert, kommuniziert – und sich verändert. In einer der letzten Eintragungen seines Blogs heißt es: «Pflegt das Normale. Das Normale ist das Höchste, was uns geschenkt wurde oder von den Eltern beigebracht wurde. Nutzt das!» Das schreibt derselbe, der einst die Aktion «Tötet Helmut Kohl» lostrat und die Staatsanwälte beschäftigte. Durch seine Krebserkrankung und alles, was daraus folgte, ist Schlingensief vielen Menschen näher gekommen, die ihn vorher kritisch oder nur am Rande wahrgenommen hatten. Manche Nachrufe erinnern in Ton und Gehalt an Heiligenverehrung. Ein Mann des Musiktheaters im engeren Sinn ist Schlingensief nie gewesen, hätte das auch nie sein können (noch sein wollen). Dennoch oder gerade deswegen war sein «Parsifal» in Bayreuth 2004 eine zutiefst persönliche Arbeit. Wichtiger noch: die «Heilige Johanna» von Walter Braunfels an der Deutschen Oper Berlin, ein Bekenntniswerk des Komponisten, das zu einem Bekenntnis des Regisseurs wurde, auch wenn der die letzte Phase der Proben nur vom Krankenbett aus lenken konnte. Der Essay auf den folgenden Seiten erinnert an einen großen Künstler, der immer alles war: Bilderstürmer und Bildersucher, Wachrüttler und Egomane, Aktionist und Diener, Strahlemann und Schmerzensmann. Zwei Intendanten, die eng mit ihm zusammenarbeiteten, haben ihre Erinnerungen an Christoph Schlingensief für «Opernwelt» aufgeschrieben: Nikolaus Bachler und Jürgen Flimm.

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Christoph Schlingensief war ein Passions-Künstler und Ritual-Verweser. Vieles bei ihm kam aus Wagners Opernwelt – und führte wieder in diese zurück: Das Gesamtkunstwerk wird globalisiert und lokalisiert zugleich, das gilt für Bayreuths Grünen Hügel wie für die Grünen Hügel Afrikas. Schlingensiefs Tod zwingt erneut zum Nachdenken über Kunst und Leben.



Es war gewiss kein Zufall, dass gerade der Maler Gerhard Richter vehement dagegen protestierte, dass ausgerechnet Christoph Schlingensief mit der Gestaltung des Deutschen Pavillons auf der venezianischen Biennale 2011 beauftragt wurde. Denn größer konnten die Gegensätze kaum sein: da der Großmeister und moderne Malerfürst, unglaublicher Perfektionist des zweidimensionalen Tafelbildes – selbst in den farbigen Glasfenstern für den Kölner Dom –, zudem ein Superstar des internationalen Kunstbetriebs, mit staunenerregenden Höchstpreisen ein massiver Marktfaktor. Dort der schlechthin antiklassizistische Aktionskünstler und provokationsorientierte Störenfried, medial facettenreich umtriebig, darin absehbar, doch zugleich kaum berechenbar, trotzdem alles andere als ein Sieger-Typ, eher ein Thomas Bernhard’scher «Untergeher». Richter zu ...

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Opernwelt Jahrbuch 2010
Rubrik: Christoph Schlingensief, Seite 68
von Gerhard R. Koch

Vergriffen
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