Kunst und Begehren
Ich formte sie, ich bildete sie, ich löste ihr die Seele und Zunge […] sie war mein Geschöpf», das stammelt der unter Mordverdacht stehende Gesangslehrer Maestro Salvatore in der frenetischen Gerichtsszene ohne Richter, mit der unvermittelt Peter Ronnefelds Oper «Die Ameise» beginnt. Das Publikum, staccato im respondierenden Doppelchor, führt sich als die letzte Instanz auf: «Wir besuchen regelmäßig Prozesse! Wir können uns ein Urteil erlauben! […] ein Verrückter».
Verrückt und tiefgründig zugleich war das Projekt zweier Mittzwanziger, die sich 1959 in Wien trafen und schon nach wenigen Wochen mit einem fieberhaft vorangetriebenen Werk einen opernhaft-phantastischen Coup landen wollten in einem durch die «Literaturoper» zäh dominierten Umfeld: der hochbegabte Karajan-Assistent Ronnefeld und der gerade als Dramaturg an die Wiener Staatsoper engagierte Richard Bletschacher. Literatur auch hier: die Phantastik E. T. A. Hoffmanns und das absurde Theater Eugène Ionescos, dessen «Nashörner» gerade in Düsseldorf (später auch der Uraufführungsort der «Ameise») ihre erste Aufführung erlebt hatten. Auch hier das Spiel mit unvermittelt ineinander übergehenden Realitätsebenen, durch die die ...
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Opernwelt Februar 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Klaus Heinrich Kohrs
Der Marquise de Pompadour, geborene Jeanne-Antoinette Poisson, von 1745 bis 1761 Maîtresse-en-titre Louis XV und spätere Duchesse de Menard, wird jenes lakonisch-zynische Bonmot zugewiesen, das noch heute vielen Menschen aus dem Mund herausplumpst, wenn irgendetwas krachend schief gegangen ist: «Après nous le déluge», zu Deutsch: Nach mir die Sintflut. Selbiges...
Ist es möglich, denkbar, fühlbar? Eine Liebe, so glühend und intensiv, so weitreichend und existenziell, dass die Dichterin sie mit einer Farbe vergleicht, die es eigentlich gar nicht gibt? Wohl nur die (deutsche) Romantik vermochte solche Extreme zu formulieren, in ihrer Sehnsucht nach dem Unendlichen. Karoline von Günderode, die Frühvollendete (gerade mal 26...
Satte 61 leere Quinten, das ist viel Holz. Aber so hat es Franz Schubert für das letzte Stück aus seiner «Winterreise» auf Verse Wilhelm Müllers gewollt, natürlich nicht ohne zureichenden Grund. Der Tod lugt um die Ecken, und das weiß auch der Wanderer am Ende seiner frostigen Unternehmung, die ihn an diesen unwirtlichen Ort geführt hat.
Wenn nun Johannes Martin...
