Kunst der Kontinuität oder: Was bleibt von 2005/2006?
Kunst komme nicht von Können, sondern von Müssen, meinte Arnold Schönberg. Die diesjährigen Ergebnisse unserer Kritiker-Umfrage zeigen noch etwas anderes: Kunst kommt von Kontinuität. Zumindest in der Oper. Dort kann Kontinuität viele Bereiche betreffen. Der schwerfällige Apparat eines Opernhauses braucht Zeit, sich auf bestimmte Leitlinien einzustellen, seien sie künstlerischer oder organisatorischer Art. Ein Dirigent braucht Zeit, um sein Orchester dauerhaft auf ein bestimmtes Klangbild oder stilistische Flexibilität einzuschwören.
Ein Opernchor kann nur über Jahre, vielleicht sogar über mehrere Sängergenerationen hinweg so wachsen, dass er sich in der Musikgeschichte vom Barock bis zu Uraufführungen gleichermaßen sicher bewegt. Kollektive im Opernbetrieb sind gesättigt mit den divergierenden Erfahrungen vieler Einzelner. Das macht sie reich und skeptisch zugleich. Solisten können mit medialer Schützenhilfe und rigiden Agenten im Rücken heute leichter als je zuvor eine Blitzkarriere hinlegen. Im Gedächtnis, auch im kollektiven, bleiben freilich diejenigen, die ihre stimmlichen Möglichkeiten Schritt für Schritt erweitert und sich in verschiedenen Lebensaltern und Stilen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Lassen Sie uns mit einer persönlichen Frage beginnen: Sie sind dreizehn Spielzeiten lang Chef der Bayerischen Staatsoper in München gewesen, Sie sind von Queen Elizabeth II. zum Knight of the British Empire geschlagen worden. Welche Anrede gefällt Ihnen am besten? Herr Staatsintendant? Sir? Mister Jonas?
Das mit dem Staatsintendanten habe ich sofort nach meinem...
Titus kehrt zurück. Keine Oper hatte in Mozarts Jubeljahr 2006 einen so rauschhaften Wiederauftritt wie seine letzte: «La clemenza di Tito». An der bislang überschaubaren Diskografie lag’s wohl auch. Seit früheren Aufnahmen wie denen von István Kertész und Colin Davis (und trotz der späteren von Harnoncourt und Gardiner) schien es, als sei das Werk von der...
Wer auf die dreizehn Jahre unter Leitung von Sir Peter Jonas zurückblickt, denkt zuerst an den Urknall, der am 21. März 1994 das Universum der Bayerischen Staatsoper erschütterte und heute als ein ästhetischer wie inhaltlicher Wendepunkt des Hauses erscheint. Die fast leere, bis zur Brandmauer aufgerissene Bühne beherrschte da in Georg Friedrich Händels «Giulio...
