Kunst der Kontinuität oder: Was bleibt von 2005/2006?
Kunst komme nicht von Können, sondern von Müssen, meinte Arnold Schönberg. Die diesjährigen Ergebnisse unserer Kritiker-Umfrage zeigen noch etwas anderes: Kunst kommt von Kontinuität. Zumindest in der Oper. Dort kann Kontinuität viele Bereiche betreffen. Der schwerfällige Apparat eines Opernhauses braucht Zeit, sich auf bestimmte Leitlinien einzustellen, seien sie künstlerischer oder organisatorischer Art. Ein Dirigent braucht Zeit, um sein Orchester dauerhaft auf ein bestimmtes Klangbild oder stilistische Flexibilität einzuschwören.
Ein Opernchor kann nur über Jahre, vielleicht sogar über mehrere Sängergenerationen hinweg so wachsen, dass er sich in der Musikgeschichte vom Barock bis zu Uraufführungen gleichermaßen sicher bewegt. Kollektive im Opernbetrieb sind gesättigt mit den divergierenden Erfahrungen vieler Einzelner. Das macht sie reich und skeptisch zugleich. Solisten können mit medialer Schützenhilfe und rigiden Agenten im Rücken heute leichter als je zuvor eine Blitzkarriere hinlegen. Im Gedächtnis, auch im kollektiven, bleiben freilich diejenigen, die ihre stimmlichen Möglichkeiten Schritt für Schritt erweitert und sich in verschiedenen Lebensaltern und Stilen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Titus kehrt zurück. Keine Oper hatte in Mozarts Jubeljahr 2006 einen so rauschhaften Wiederauftritt wie seine letzte: «La clemenza di Tito». An der bislang überschaubaren Diskografie lag’s wohl auch. Seit früheren Aufnahmen wie denen von István Kertész und Colin Davis (und trotz der späteren von Harnoncourt und Gardiner) schien es, als sei das Werk von der...
Alceste ist tot, die Partie zu Ende. Die Protagonistin aber sitzt die letzten zehn Minuten der Aufführung noch an der Rampe: still, ohne zu singen, das ganze Drama um Leben und Sterben noch einmal rekapitulierend. Die kleinen Bewegungen ihres Kopfes, die Verschattungen des Blicks erzählen. Alceste blickt aus dem Jenseits zurück auf die Welt, auf Hoffnungen und eine...
Opernwelt Die Erosion des sogenannten Bildungsbürgertums lässt sich leicht mit zwei Zahlen konkretisieren: Im Jahr 1958, ergab eine Studie, waren 58 Prozent der Opernbesucher in Deutschland unter fünfzig. Im Jahr 2005 waren es noch 26 Prozent. Was damit verschwindet, ist zweifellos auch ein Common Sense über das, was kulturell wichtig ist, was man kennen muss. Was...
