Foto: Oper Stuttgart
Körper im Kopf
Auf der nackten, in dämmriges Licht getauchten Bühne transparente, mobile Milchglaswände. Am rechten Seitenportal ein Bücherberg, aus dem zögerlich ein Mann – dunkler Anzug, Rollkragenpullover – klettert und, halsbrecherisch auf dem Gedruckten balancierend, singt «Ich bin am Ende». Es ist der an einer Schaffenskrise leidende Schriftsteller Gustav von Aschenbach.
Während er seinen unausgelebten Sehnsüchten nachsinnt, steht plötzlich ein Fremder vor ihm, der mit einer Reise in den Süden lockt – nach Venedig, wo Aschenbach willenlos der erotischen Ausstrahlung eines halbwüchsigen Knaben verfällt und schließlich an der Cholera stirbt.
Für Brittens letzte, 1973 uraufgeführte Oper «Death in Venice» hat Myfanwy Piper Thomas Manns berühmte Novelle zu Stationen eines surrealen Passionsspiels verdichtet. Ihr Libretto mit seiner am Film orientierten episodischen Struktur führt Aschenbach sowohl als Handelnden wie als Erzähler ein, was es Britten ermöglicht, die literarischen Reflexionen der Vorlage in Form rezitativischer, nur vom Klavier begleiteter Selbstgespräche beizubehalten (Stefan Schreiber spielt das mit berückend rhapsodischem, oft an ein Cimbal erinnernden Anschlag). Den bei Mann ...
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Opernwelt Juli 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Uwe Schweikert
Im Jahr 2017 werden zwei welthistorische Umwälzungen gefeiert: die Reformation und die russische Oktoberrevolution. Deren Führer, wahre XXL-Alpha-Tiere, Luther wie Lenin, wurden entsprechend kontrovers beurteilt: als messianische Befreier aus dem Joch von Papismus bzw. Zarismus, aber auch als Urheber erheblichen Unheils. War während des Kommunismus Lenin die...
Das Projekt Moderne ist politisch. An dieser Einsicht macht der rigorose Künstler Michael Gielen keine Abstriche. Künstlerischer Rigorismus ist bei ihm in politisch-moralischer Entschiedenheit begründet. Das hat auch biografische Wurzeln. Als Halbjude (Eduard Steuermann, der Pianist des Schönbergkreises, war Bruder seiner Mutter) in die Emigration getrieben, zählte...
Wenn das Land nach Dauerregen vom Sommer erfasst wird, treiben Englands Gärten aus wie kleine Tropenwälder. Saftig leuchtet Glyndebournes gestreifter Rasen. Jenseits des Ha-Has üben halbwüchsige Lämmer Bocksprünge, während im Kamin des Organ Rooms die Tauben gurren: Der Landsitz der Christies zeigt sich für Cavallis «Hipermestra» von seiner schönsten Seite.
Zwisch...
