Knisternde Stimmerotik

Mozart: La clemenza di Tito Nancy / Opéra de Lorraine

Der neue «Titus» von Nancy (in Kooperation mit der Opera North, Leeds) ist vor allem ein musikalisches Ereignis. «Tout Paris» war angereist, um nach der queeren Sechs-Männer-Legende «Artaserse» am selben Ort Franco Fagiolis Sesto-Debüt zu erleben (Idamante folgt im November in London). Und der neue Superstar am Counter-Himmel enttäuschte nicht. Gleich die ersten beiden Duette bescherten das volle musikalische Glück.

Wunderbar charakteristisch harmonierte sein weicher, sinnlich vibrierender Mezzo mit Sabina Cvilaks schneidender Vitellia im Verschwörer- wie mit Yuri Mynenkos engelhaftem Annio im Freundschafts-Duett, das man gern da capo verlangt hätte. Schon hier deutete sich an, dass die Muse Polyhymnia ihre Hand über das Besetzungsbüro gehalten haben muss, als die ambitionierte Opéra de Lorraine das festspielwürdige Ensemble zusammenstellte: Jede Stimme (bis auf die des matten Publio) von unverkennbarem Timbre und starker Persönlichkeit – was in den Ensembles immer wieder zu überraschenden, utopisch-schönen oder dramatisch-sprechenden Klangmischungen führte.

Im «Parto» des Sesto ging dann die Saat einer minutiösen Detailarbeit am musikalischen und sprachlichen Text glorios auf. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2014
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Boris Kehrmann

Weitere Beiträge
Eine Sache der Ehre

Er hätte nicht gehen müssen. Zwar wurde Fritz Busch, zweifellos ­einer der größten Dirigenten des ­20. Jahrhunderts, im März 1933 von SA-Horden aus seinem Amt als ­Musikchef der Dresdner Semperoper vertrieben – ein Eklat, bei dem sich das Solistenensemble (mit nur fünf Ausnahmen) und die Staatskapelle unrühmlich verhielten. Doch Hermann Göring, bei dem Fritz Busch...

Was kommt...

Mut zum Scheitern, Lust am Gelingen

Der Juli ist der Monat des zeitgenössischen Musiktheaters – nicht nur in Wien bei den Festwochen und in München auf der Biennale, wo u. a. Marko Nikodijevics «Vivier» uraufgeführt wurde (Foto). Die Bayerische Staatsoper bringt einen Klassiker heraus, Bernd Alois Zimmermanns «Soldaten»; in Mannheim und Düsseldorf besuchen wir neue...

«Modern sein, ohne ein Moderner zu sein»

Unter den großen Komponisten des 20. Jahrhunderts ist Richard Strauss der Umstrittenste, zumindest – seit Adornos brillanter Attacke in seinem Essay aus dem Jahre 1964 – in Deutschland. Von den Neuerscheinungen im Jubiläumsjahr ragen neben dem «Richard Strauss Handbuch», das Walter Werbeck im Metzler-Verlag ediert hat (siehe Seite 29), drei Titel heraus: eine...