Klänge der Stadt
In der russischen Literatur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begegnen uns insbesondere bei Gogol und Dostojewski ganz unheldische Helden, die zuvor kaum je die Aufmerksamkeit der Dichter erregten. Sie entsprechen dem Typus des «armen Beamten». Auffällig ist, dass in vielen der ihnen gewidmeten Geschichten ihre Identität bedroht ist: So trifft in Dostojewskis «Der Doppelgänger» der Titularrat Jakow Petrowitsch Goljadkin in einer tristen Novembernacht eine Menschengestalt, die ihm aufs Haar gleicht.
Schließen beide zunächst noch Freundschaft, so beginnt der Doppelgänger alsbald damit, Goljadkin aus seiner beruflichen Position zu drängen, und erreicht auch im gesellschaftlichen Leben all das, was Goljadkin verwehrt bleibt, der am Ende aus dem sozialen Korpus gedrängt und ins Irrenhaus verbracht wird. Dostojewski und Gogol reagierten mit diesen Erzählungen auf reale gesellschaftliche Phänomene, insbesondere auf die Auswüchse eines völlig pervertierten Verwaltungsapparates, in dem nicht Leistung und Kompetenz über das Fortkommen entschieden, sondern persönliche Abhängigkeiten. Die in den bürokratischen Apparat Eingespannten erlebten das nicht selten als Deformation, als ...
ZUKUNFTSMUSIK
Das «unmögliche Kunstwerk» Oper lebt, allen Unkenrufen zum Trotz. Als Beleg mögen abseits der Pflege des kanonischen Repertoires auch und vor allem jene Stücke dienen, die sich mit der Tradition der Gattung auseinandersetzen, dabei aber neue Wege beschreiten. Um solche Werke des Musiktheaters soll es in dieser Rubrik gehen: um Uraufführungen, in denen neue Narrative kreiert werden und die Form selbst auf dem Prüfstand steht, zugleich aber auch jene Rezeption befragt wird, die sich mit der Wiederholung überlieferter Deutungsmuster begnügt. Zu Wort kommen Komponistinnen und Komponisten, Dramaturginnen und Dramaturgen sowie Dirigentinnen und Dirigenten.
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Opernwelt April 2024
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Jens Schubbe
Bühnenbilder von Karl-Ernst Herrmann bewegten sich immer «in einer unnachahmlichen Spannung zwischen den hinreißenden Details und dem großen Ganzen Schönen», schrieb Gerhard Stadelmaier 2018 in seinem Nachruf für die FAZ. Das große Ganze, meistens auch Schöne ist bekannt: Herrmanns Anfänge mit Kurt Hübner in Ulm und Bremen, die höchst individuellen (Ent-)Würfe für...
Im Theater stehlen echte Tiere auf der Bühne den Menschen zuverlässig die Schau. Allerdings protestieren zunehmend Tierschützer gegen den Einsatz der unfreiwilligen Bühnenstars. Menschen in Tierkostümen dagegen kommen heute fast nur noch in Kinderstücken vor. Und da, wo sie im Erwachsenen-Theater verlangt sind – etwa bei Janáčeks «Schlauem Füchslein» – widerstehen...
Meiningens Intendant Jens Neundorff von Enzberg liebt es, tief und ausführlich in die Geschichte zu schauen und dann Ungewöhnliches ans Licht zu befördern. In den letzten Jahren holte er etwa «Santa Chiara» aus der Versenkung, eine Oper des kunstsinnigen Herzogs Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha, der das Theater einst zum weit über Landes- und Standesgrenzen...
