Katharsis, beinahe
Die Bedrohung – sie ist an diesem Abend für den Zuschauer, wenn er beim Abdunkeln des Saals seine Maske abnehmen darf, allgegenwärtig. Etwas bricht aus, verdunkelt das ganze Leben und lässt anfangs keinen Raum für Hoffnung. Corona? Nein, es ist ein Vulkan, ähnlich dem des Jahres 1815 – Tambora. Er bescherte Europa seinerzeit einen Sommer ohne Sonne: ein einschneidendes Ereignis für die damalige Menschheit.
Das spüren die 99 im Raum, jeweils mindestens zwei Sitze oder Reihen voneinander entfernt – so schreibt es das Veranstaltungsreglement im Ländle zum Zeitpunkt der Premiere vor.
Anja Jung und Olga Motta scheinen die Parallelen zur Corona-Krise der Gegenwart gespürt zu haben. Die Idee für ihren kurzfristig ins Programm genommenen Theaterabend «Ich bin der Welt abhanden gekommen» am Theater Freiburg kam ihnen, wie sie sagen, mit dem Shutdown. Und so kreierten die am Theater Freiburg wirkende Altistin und die Berliner Regisseurin und Bühnenbildnerin «eine Musiklandschaft» (Untertitel), in der die Orchesterlieder Gustav Mahlers aufblühen. Ist Mahlers musikalisches Sensorium doch geprägt durch die gesellschaftlichen Krisen am Fin de Siècle und des bevorstehenden Untergangs der Welt ...
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Opernwelt August 2020
Rubrik: Focus Spezial Neustart, Seite 21
von Alexander Dick
Ungewohntes Bild: Quer durch den Zuschauerraum erstreckt sich eine ausgedehnte Sitzmöbellandschaft. Sämtliche Stuhlreihen sind abgebaut, die Besucher dürfen es sich auf ausrangierten Stoffsofas, Ledercouches und kissenbestückten Gartenbänken bequem machen. Um den vorgeschriebenen Mindestabstand zu garantieren, wurde die Zahl der Plätze im Kleinen Haus des...
Nein, gesungen wird nicht an diesem Vormittag. Nur das Plätschern von Wasser ist zu hören. In einem weißen Kubus kniet Bariton David Pichlmaier vor einer Zinkwanne, reibt sich akribisch mit Lehmseife ein, spült sich dann ab. Eine Kamera fängt den Vorgang ein, hautnah, aus unterschiedlicher Perspektive. Wie später auch jene Szene, in der die Sopranistin Katrin...
«Während der Ein- und Auslasszeiten besteht Maskenpflicht, die Sitzordnung ist unbedingt einzuhalten», warnt die Pressestelle der Deutschen Oper in einer Mail drei Tage vor der Premiere ihres binnen kürzester Zeit in den Innenhof, auf das unwirtliche Parkdeck gewuchteten Ersatz-«Rheingolds». Maximal 175 Besucher erlauben die Mitte Juni in Berlin geltenden...
