In eigener Sache
«Vorne auf den Sesseln die Kritiker, entstellt von Eitelkeit», notierte Gottfried Benn 1928 in «Saison», und Joachim Kaiser zitiert ihn fast verschämt zu Beginn seines «Kleinen Theatertagebuchs» (1965), um danach eine subtile Analyse eben jener Gefallsucht folgen zu lassen. Kritiker seien eitel, weil ihr Tun sie dazu bringe und zwinge, «wohlerworbenen Geschmacksurteilen ein Moment objektiver Vernunft zuzuschreiben».
Letztere hatte bei Julius Korngold, dem Nachfolger Eduard Hanslicks auf dem Merkerstuhl der «Neuen freien Presse», freilich stets einen subjektiven «Anflug von Ressentiment, Kleinlichkeit und Eifersucht», wie der von Korngold häufig gebeutelte Ernst Krenek in seiner Autobiografie «Im Atem der Zeit» feststellte.
Hinzu kam geradezu schamloser Nepotismus. So stilisierte Korngold d. Ä. mit seinen harschen Beurteilungen der Rivalen seines Sohnes diesen quasi zum Heiland der Musik, der die Dämonen der «Neumusik-Ismen» mit dem Wundermittel einer alles kurierenden Tonalität austreiben sollte. Das fiktive Gespräch eines «älteren Herren» mit einer jungen Dame ab Seite 271 des Faksimile führt zielsicher zu einem «jungen Musiker», einem Talent, das «heute oder morgen wieder auf ...
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Opernwelt August 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 35
von Gerhard Persché
«Während der Ein- und Auslasszeiten besteht Maskenpflicht, die Sitzordnung ist unbedingt einzuhalten», warnt die Pressestelle der Deutschen Oper in einer Mail drei Tage vor der Premiere ihres binnen kürzester Zeit in den Innenhof, auf das unwirtliche Parkdeck gewuchteten Ersatz-«Rheingolds». Maximal 175 Besucher erlauben die Mitte Juni in Berlin geltenden...
In der Musikhochschule von Helsinki hing an einem Mittwoch im Jahr 1994 ein Zettel. «Wer gern einmal dirigieren möchte, darf am Samstag um 10 Uhr in den Orchestersaal kommen.» An jenem Tag entschied sich das Leben von Pietari Inkinen. Der 14-Jährige aus der finnischen Mittelstadt Kouvola, die vor allem Skispringer und Eishockeyspieler hervorgebracht hat, war ein...
Die Bedrohung – sie ist an diesem Abend für den Zuschauer, wenn er beim Abdunkeln des Saals seine Maske abnehmen darf, allgegenwärtig. Etwas bricht aus, verdunkelt das ganze Leben und lässt anfangs keinen Raum für Hoffnung. Corona? Nein, es ist ein Vulkan, ähnlich dem des Jahres 1815 – Tambora. Er bescherte Europa seinerzeit einen Sommer ohne Sonne: ein...
