Kantable Bosheit
Otello ist eine gebrochene Person. Sein Auftrittsruf «Esultate!», obwohl von George Oniani mit metallischer Härte und Kraft herausgeschleudert, hat nichts Triumphales, allein schon wegen des szenischen Arrangements in der Bonner Neuproduktion von Leo Muscato: Das Volk blickt nach vorn, er kommt von hinten. Bemitleidenswert ist er in der Liebesnacht mit Desdemona. Während die Plejaden und die Venus besungen werden, löst er umständlich seinen Gürtel und sitzt dann, sein Gesicht in den Händen verborgen, wie schluchzend auf der Bettkante, hinter ihm eine ratlose Desdemona.
Wollte der Regisseur hier einen impotenten Feldherrn zeigen? Zu diesem Jammerbild passt auch, dass George Oniani das große, bittere Lamento im dritten Akt («Dio! mi potevi») nur stammelnd und japsend tönen lässt. Eine bemerkenswerte Interpretationsentscheidung, wenn es denn ein solche war! Jedenfalls wurde deutlich, dass der Mord an Desdemona nicht aufgrund übler, niederer Motive geschieht, sondern als Femizid, verübt von einer erniedrigten Person, die aufgrund scheinbar gekränkter Männlichkeit davon besessen ist, nicht anders handeln zu können. So gesehen muss man Otello auf der Bühne gar nicht als Außenseiter ...
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Opernwelt Mai 2026
Rubrik: Panorama, Seite 64
von Richard Lorber
Wenn Regisseure ihre eigenen Inszenierungen erläutern, erfährt man zwar, was sie sich bei der Arbeit gedacht haben; allzu oft zeigt sich aber, dass sie die Gedanken nicht in Bilder übersetzen können. Es bleibt bei der abstrakten Deklaration. Kommt sängerisches oder schauspielerisches Unvermögen hinzu, ist die Katastrophe fast komplett. Fast. Repertoirestücke sind...
Diese Reportage über einen Besuch in Osnabrück muss mit einem flammenden Plädoyer beginnen. Dafür nämlich, dass ein Theater unbedingt ins Zentrum einer Stadt gehört und nirgendwohin sonst. Nicht in eine verkehrsberuhigte Zone, die vor wie nach der Vorstellung ausgestorben ist; nicht in einen verschlafenen Stadtteil jenseits des Zentrums oder in einen relaxten...
Leise rieselt der Schwan. Natürlich nicht der ganze, das wäre doch ein bisschen zu viel des Gefieders. Um das mit satten Klängen und bass erstaunten Ausrufen beschworene «Wunder» in ein triftiges Bild zu fassen, genügen einzelne Federn des sagenumwobenen Tiers, die nun von der Decke des Festspielhauses in Baden-Baden sanft in den Saal hinabschweben, derweil der...
