Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht
Leise rieselt der Schwan. Natürlich nicht der ganze, das wäre doch ein bisschen zu viel des Gefieders.
Um das mit satten Klängen und bass erstaunten Ausrufen beschworene «Wunder» in ein triftiges Bild zu fassen, genügen einzelne Federn des sagenumwobenen Tiers, die nun von der Decke des Festspielhauses in Baden-Baden sanft in den Saal hinabschweben, derweil der Ritter von der magischen Gestalt in persilglänzendem Weiß übers Wasser hereingleitet wie ehedem der heilige Franziskus und das reichlich versammelte Volk beglückt – übrigens nicht nur die tapferen Recken des deutschen Reiches, die – zumindest im Libretto – dem Krieg mit den wütenden Ungarn bang entgegensehen, sondern auch die Damen in ihren schicken blauschwarzen Abendroben. Mittendrin die Tugendreiche, Elsa von Brabant, und wie es sich für eine (verkaufte) Braut bei Wagner gehört, trägt sie, Lohengrin gleich, ein weißes Gewand, nur ohne gefiederten Flokati-Mantel, dafür mit gar lieblichen Spitzen.
Vom Kampf gegen den Feind aus dem Osten aber erzählt diese Szene gar nichts. In einem echten Märchen haben solche äußerlichen Realitäten keinen Platz. Und so verzichtet Regisseur Johannes Erath in seiner Lesart der «romantischen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten
Die «glorreichen Sieben» gibt es gleich zweimal. Einmal als Western von John Sturges aus dem Jahr 1960 (die Remakes nicht mitgezählt) und einmal, was für unsere Belange weit wichtiger erscheint, als Liste jener Komponisten, die Philip Herschkowitz verehrte: Bach, Mozart, Beethoven, Mahler, Wagner, Schönberg und Webern. Der Kaiser unter diesen Königen war Beethoven;...
Es muss Außergewöhnliches, ja, Einzigartiges anstehen, wenn ein Komponist mitten im Stück nicht nur Tonund Taktart wechselt, sondern dazu noch drei Fermaten und direkt davor ein morendo notiert. Still also muss es sein, nein: sterbensstill, bevor Fritz, der Pierrot, sein Loreley-Lied «Mein Sehnen, mein Wähnen» anstimmt, in geheiligtem Des-Dur und süß-sahnigstem pia...
Man stelle sich vor: eine Gefängniszelle, darin die vier mythischen Angeklagten Medea, Antigone, Elektra, Penthesilea. Der Raum bärste vor Energie, Funken schlügen bis zum Himmelszelt hinauf, und vermutlich würden sich die Damen gegenseitig übertreffen in ihrem Bemühen, die tragischste aller antiken Gestalten zu sein. Medea, weil sie für sich reklamiert, die einzig...
