Kaninchen vor Schlange
Im Programmbuch die geballte philosophische und philologische Kompetenz. Natürlich ein Stück des klugen Herrn Niccolò Machiavelli, aus seiner Hauptschrift «Il Principe»: von der Grausamkeit und der Milde und ob es besser sei, geliebt als gefürchtet zu werden. Damit ist das zentrale Thema der Oper bezeichnet. Dann Elias Canetti, Teile aus dem Kapitel «Die Macht der Verzeihung».
Und schließlich, als Speerspitze heutiger Sichtweisen, ein Essay von Slavoj Zizek («Der lächerliche Exzess der Gnade»), der die historischen Fakten und Fiktionen zu einer Melange aus moderner Mozart-Rezeption und klassischer Kapitalismuskritik vermengt.
Doch ist davon auch etwas zu sehen und zu spüren auf der Bühne, die der Regisseur Nigel Lowery für seine Lesart der Seria «La clemenza di Tito» ersonnen hat? Gern würde man an dieser Stelle davon berichten. Von Beziehungen, Bezügen oder Brechungen. Doch scheint Lowery vor dem Stoff zu stehen wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange. Unschlüssig, unsicher, zaghaft. Schon die von ihm gewählte Abstraktion des Bildes (ein großer, leerer Raum, den wild-naiv, assoziativ bemalte Wände eingrenzen und der, nur durch einen Gazevorhang getrennt, zwei Reiche ...
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