Kammerblues
Es ist wohl ein anderer Krieg, den Russland da führt, nicht dieser jetzt. Die Nachrichten von der fernen Front kommen aus dem Transistor, man muss sie durch das Rauschen dechiffrieren, auch die martialischen Ansagen dressierter Kindersoldaten an die Feinde des Vaterlands. Das von Pola Kardum in das Alltagsbunt der vielleicht 1970er-Jahre gekleidete Frauenvolk hält sich die Ohren zu.
Es ist ja auch nicht zum Aushalten, und der schwule Tschaikowsky, vom homophoben Kriegsherrn dieser Tage absurderweise als Geisel einer nationalistisch «russischen» Kultur genommen, hätte die Eingangsszene mit Blick auf «Russia Today» sicher anders gefasst, er dachte dabei eher an eine Kinderchor-Couleur wie in «Carmen». Womöglich gehört diese Eingangsszene zu den Revisionen, die der ungarische Regisseur David Marton an seinem Konzept für die neue «Pique Dame» an der Brüsseler Monnaie vorgenommen hat, nachdem die Inszenierung erst dem Frühjahrs-Lockdown 2020 zum Opfer gefallen war und das Stück zur Eröffnung der Saison 2022/2023 jetzt in einer anderen Welt spielt.
Das triste Setting eines Betontreppenhauses in einem Wohnblock irgendwo im Osten, das Christian Friedländer gebaut hat, war aber bestimmt ...
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Opernwelt 11 2022
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Holger Noltze
Vielleicht funktioniert er doch, der Weg, den Andreas Homoki, der Intendant der Oper Zürich, für die Inszenierung von Richard Wagners «Ring des Nibelungen» an seinem Haus eingeschlagen hat. Nicht ein weiterer Deutungsversuch der Tetralogie, nicht eine neuerliche Transposition der Geschichte in eine Lebenswelt, die uns näher scheint als jene der Vorlage, möchte man...
Zur Eröffnung der Spielzeit wartet das Haus in der elsässischen Kapitale mit einer Uraufführung auf, in der sich Musik-, Tanz- und Sprechtheater verbinden. Der schon für das Straßburger Arsmondo-Festival 2020 vorgesehenen Premiere hatte damals die Pandemie einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt erweist sich das Werk als Wurf.
Allein die Auswahl...
Vorab die Frage der Fassung: Modena, 1886. Eine kluge Wahl. Denn Modena war Verdis letztes Wort in einer (siebenteiligen) Causa, die komplizierter klingt als sie ist. Den (fünfaktigen) «Don Carlos» schrieb er für Paris und die dortigen Usancen, den (vieraktigen) «Don Carlo» für sein Heimatland. Dass die italienische Version vorzuziehen ist, lässt sich in jeder...
