Kabinettstück

Prokofjew: Der feurige Engel
Rom | Teatro dell’Opera

Opernwelt - Logo

Die Frage nach dem feurigen Engel ist keine, die durch Magie, Wissenschaft oder Theologie beantwortet werden kann. Er ist Symbol, genauer: projizierter Fixstern im jungen Leben Renatas. In Kindertagen war er ihr (einziger?) imaginierter Spielkamerad, in der Pubertät mutierte er zum angstbesetzten, unkontrollierbaren Zerrbild körperlicher Begierden. Dämonisierte Sexualität also, die wie ein Irrlicht in ihrer Seele flackert und Renata im realen Leben zu einem zerrissenen, liebesunfähigen Wesen macht.

Regisseurin Emma Dante findet für dieses zentrale Symbol in Prokofjews musiktheatralischem Vermächtnis eine kongeniale Lösung: ein koboldhaft kostümierter Breakdancer (Alis Bianca) verkörpert Renatas Seelenleiden durch verspielte Agilität, vitalisierende Erotik, abrupte physische Bedrängnis und Entzug. Damit ist er Wunsch- und Gegenbild zu ihrem biederen Rock, der Rüschenhaube, den weiten, den Körper zum Verschwinden bringenden Roben der sakralen Uniformierung im finalen Klosterbild. So eindeutig das Detail, so doppelbödig ist die szenische Komposition: Kostüme und Bühnenbild evozieren zwar historisches Kolorit, zitieren Merkmale eines progressiven, doch verunsicherten 16. Jahrhunderts, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2019
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Richard Erkens

Weitere Beiträge
Glück, das uns verbleibt

Es könnte Zufall sein. Es könnte aber auch sein, dass Erich Wolfgang Korngolds (Alb)-Traumoper «Die tote Stadt» nach beinahe 100 Jahren Einsamkeit wieder vermehrt auf den Spielplänen zu finden ist, weil sie sich gewissermaßen a posteriori dem kühl-flüchtigen Rationalismus der Postpostmoderne mit flackernd surrealer Magie widersetzt. Und weil sie uns in jene Sphäre...

Spiegel der Gegenwart

Sie war überfällig, diese russische Erstaufführung. Schon wegen des Stoffs, den Peter Eötvös für seine erste große, 1998 in Lyon aus der Taufe gehobene Oper wählte: Tschechows Drama «Drei Schwestern». Und weil die bleierne Atmosphäre, die den Figuren in dem bald 120 Jahre alten Stück die Luft abschnürt, auch heute, unter veränderten Vorzeichen, auf dem Land...

Editorial Juli 2019

Der Befund ist nicht neu: An den 24 Musikhochschulen Deutschlands werden zu viele Sänger ausgebildet. Mit 80 staatlich und/oder städtisch geförderten Opernhäusern, die Jahr für Jahr rund 6000 Repertoirevorstellungen anbieten, gilt die Bundesrepublik zwar nach wie vor als El Dorado auf dem globalen Stimmenmarkt, doch die Chance, sich nach jahrelanger Ausbildung...