Unbegrenztes Sehnen
«Gleich von unbegrenztem Sehnen/ Wie entfernt von träger Ruh’/ Müsse sich mein Leben dehnen/ Wie ein Strom dem Meere zu ...» Wir wissen nicht, ob Aleksandra Kurzak dieses Gedicht von Friedrich Rückert gelesen hat; gleichwohl könnte es sehr gut als Motto über ihrem neuen Album stehen. Der Titel «Desire», den sie dem Recital gab, mag derlei Assoziationen erlauben, erzählt er doch auch von ihrem künstlerischen Sehnen nach Partien, von denen sie zu Beginn ihrer Karriere im lyrischen Koloraturfach nicht einmal zu träumen wagte.
Pragmatisch gesehen könnte man auch von einem Musterkatalog künftiger Erwartungen sprechen.
Auf jeden Fall führt die Polin in diesem Album Momentaufnahmen von Frauen vor, deren Sehnsüchte unterschiedliche Ursachen und Ziele haben, was ihr zugleich Gelegenheit gibt, neue Perspektiven auf diese Charaktere zu finden. Sie überzeugt mit ihrem pikanten Timbre sowie mit der Gabe, Phrasen empfindsam sul fiato (auf dem Atem) zu bilden und in erfüllten, verinnerlichten Piani fortzuspinnen – wie etwa gleich am Anfang in «Io son l’umile ancella» aus Cileas «Adriana Lecouvreur». In Elviras Szene «Surta è la notte – Ernani! Ernani, involami» kann sie auf ihre Erfahrungen im ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 21
von Gerhard Persché
Der uralte Obsthain ist abgesperrt, der Garten ums Theater überwuchert. Dass man hierher nicht durch die Formschnittanlagen des Herrenhauses geleitet wird, sondern durch von Bauarbeiten verwüstete Brachen, sagt einiges. Dass hier überhaupt etwas stattfindet, aber auch. Festivalchefin Wasfi Kani war eine der ersten, die auf den britischen Inseln wieder etwas wagte,...
«Ein Verbrechen, das einem die Krone bringt, ist keines.» Fast beiläufig lässt Lottario, der Enkel Karls des Großen, im Rezitativ diese Bemerkung fallen. Ein Credo – nicht nur seines, sondern dieser ganzen schrecklichen Familie, überhaupt all jener, deren Macht- und Besitzgeilheit sie über Leichen steigen lässt. Der Erste verröchelt schon am Boden, während George...
Die Güte Gottes? Scheint unermesslich. Zumindest in dieser Geschichte aus dem ersten Buch Mose, die mit größtmöglicher Empathie das Schicksal einer jüdischen Familie schildert. Deren Oberhaupt, der greise Tobit, gerät, weil er tote Israeliten bestattet, mit den herrschenden Assyrern in Ninive aneinander und erblindet. Auch Sara, die Tochter eines Verwandten,...
