Jagdszenen im Zwischenreich

Seit er 1976, gerade zweiunddreißig Jahre alt, in Bayreuth Wagners «Ring»-Zyklus als Parabel auf eine kapitalistisch durchgeformte Moderne inszenierte, wird Patrice Chéreau als genialer Reformer der Musiktheaterregie verehrt. Schon zuvor hatte Chéreau sich mit der Oper beschäftigt: 1969 brachte er in Spoleto «L’italiana in Algeri», 1974 in Paris «Les Contes d’Hoffmann» auf die Bühne. Später folgten unter anderem Aufsehen erregende Auseinandersetzungen mit Mozart und Berg. In diesem Monat bringen Patrice Chéreau mit Pierre Boulez bei den Wiener Festwochen eine Neuproduk­tion von Janáceks «Totenhaus» heraus. Da­rüber gerät leicht in Vergessenheit, dass er seit den frühen Siebzigern auch Filme dreht: Sein erster Spielfilm «Das Fleisch der Orchidee» kam im gleichen Jahr heraus wie die Offenbach-Exegese für das Pariser Palais Garnier. Die Überschreitung von Gattungsgrenzen, das Pendeln zwischen verschiedenen Ausdrucksformen charakterisierten Chéreaus Stil von Anfang an – genauso wie die emotionale Intensität und bedrängende Körperlichkeit seiner ­Figuren. Die zentralen Themen – Liebe, Leidenschaft, Tod – blieben konstant, die Genres wechselten. Unser Essay sucht dem Phänomen Patrice Chéreau auf die Spur zu kommen, indem er das für sein Werk typische Oszillieren zwischen Bühne und ­Kamera im Zusammenhang begreift: als Aggregatzustände des Ästhetischen.

Für die gesamte Musik- und Theaterwelt stand fest, dass 1976, zur Zentenarfeier der Bayreuther Festspielgründung wie der Uraufführung des «Ring des Nibelungen», eine Neuinterpretation der Tetralogie anstand. Etwas Sensationelles musste her, Zeitgenossenschaft war gefragt; doch schon witterten die Uralt-Wagnerianer, den Schock von Götz Friedrichs verabscheuungswürdiger Arbeiter- und Bauern-Staat-«Tannhäuser»-Invasion von 1972 noch in den Knochen, neues Unheil. Schließlich galt der «Ring» als Wagners Hauptwerk, zudem mit angeblich germanischem, also nicht nur mythischem Hintergrund.

Schlimmes also schwante den Nornen der Reaktion. Mit Ingmar Bergman, Peter Brook und Peter Stein hatte Wolfgang Wagner schon Regisseursnamen ins Spiel gebracht, die weder Opernroutine noch gar Wagner-Weihe garantierten, aber immerhin Exklusivität verhießen. Doch alle drei sagten ab. Pierre Boulez, designierter Dirigent, hatte zumindest mit ausdrücklichem Segen Wieland Wagners schon ab 1966 dessen «Parsifal» dirigiert, war prominent genug, zudem Bayreuth-erprobt. Konservative Vorbehalte gab es zwar auch gegen ihn, ein Feindbild war er nicht.
Boulez allerdings empfahl Wagner für die «Ring»-Inszenierung ...

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Opernwelt Mai 2007
Rubrik: Thema, Seite 40
von Gerhard R. Koch, Olaf Wilhelmer

Vergriffen
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