Irre gut
Was Wahnsinn sei, was Genialität, ist strittig – und materiell, mit Hirnströmen etwa, so wenig zu messen wie zu erklären. Dass vokale und darstellerische Genialität bei der musiktheatralischen Vorführung des Wahnsinns hingegen vorteilhaft ist, haben Sängerinnen wie Anna Moffo, Renata Scotto, Beverly Sills, Montserrat Caballé, vor allem aber Joan Sutherland und Maria Callas (Letztere mit der vielleicht besten Einspielung des Werks, Cetra Berlin 1955, Herbert von Karajan) als mörderische Irre vom Lammermoor Castle dokumentiert.
Den atemraubenden Darlegungen der vulkanischen Callas und der exaltierten Sutherland stehen dabei die gepflegten Neurosen der Moffo oder die einem «mütterlichen» Tonfall aufgesetzten Pianissimo-Zauberkoloraturen der Caballé gegenüber.
In diesen Kreis der Erlauchten wurde nun Lisette Oropesa gebeten (in einer Studioaufnahme notabene, was heute eher die Ausnahme darstellt). Die Sopranistin hat die Partie Dutzende Male an großen Häusern gesungen, «Il dolce suono» ist für sie so etwas wie ein «Party-Piece». Dabei fand sie für sich einen individuellen, stimmigen Ton, der sie von den Mitstreiterinnen abhebt. Durch die erfolgreiche Einspielung von Bellinis ...
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Opernwelt Februar 2026
Rubrik: Medien, Seite 34
von Gerhard Persché
Ich formte sie, ich bildete sie, ich löste ihr die Seele und Zunge […] sie war mein Geschöpf», das stammelt der unter Mordverdacht stehende Gesangslehrer Maestro Salvatore in der frenetischen Gerichtsszene ohne Richter, mit der unvermittelt Peter Ronnefelds Oper «Die Ameise» beginnt. Das Publikum, staccato im respondierenden Doppelchor, führt sich als die...
Lauscht man allein den einzelnen Da- capo-Arien der einzigen Oper dieser Komponistin im Nebenberuf, staunt man über die handwerkliche Kunstfertigkeit, das kundige Abrufen der Affekttypen, die gelehrte Erfüllung der Form: Wilhelmine von Preußen (oder auch: Wilhelmine von Bayreuth) erweist sich anno 1740 auf der Höhe Händels. Zwischen den Zeilen aber und dennoch...
Ist es möglich, denkbar, fühlbar? Eine Liebe, so glühend und intensiv, so weitreichend und existenziell, dass die Dichterin sie mit einer Farbe vergleicht, die es eigentlich gar nicht gibt? Wohl nur die (deutsche) Romantik vermochte solche Extreme zu formulieren, in ihrer Sehnsucht nach dem Unendlichen. Karoline von Günderode, die Frühvollendete (gerade mal 26...
