Schein und Sein
Anno 1728, auf der einsamen Höhe seiner auf das Wesentliche fokussierten Kunst des Komponierens, lässt Händel die Tropfen des bitteren Kelches gleichsam in die Venen des Helden Tolomeo einsickern. Der wähnt sich dem selbst gewählten Gifttode ganz nah, als er in seiner Arie «Stille amare, già vi sento» fragt: «Wo bin ich, lebe ich noch?» Der einstige König von Ägypten ist nach Zypern geflohen, watet auf der einsamen Insel durchs Wasser. Es gibt kein Entrinnen.
Fünf Gestrandete hat es auf das unwirtliche Eiland geworfen, die hochgradig Vereinzelten kommen aus ganz anderen Welten, sind nun zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengeschweißt.
Weder männliche Großartigkeit noch weibliche Exaltiertheit zählen noch – es fehlt das Publikum der Bewunderer. Doch ihre alten Attribute schleppen sie weiter mit sich herum. Auf fünf Tischen – Inselchen des Individuellen innerhalb des gottverlassenen Gebiets – packen sie ihre Habseligkeiten aus, setzen sich noch einmal in Szene und werden doch schmerzlich auf sich selbst zurückgeworfen. Geschlechtsspezifisch heroisch und standesgemäß trägt Araspe, der baritonpolternde König von Zypern (Johan Hyunbong Choi), seine Krone, Säbel und Peitsche. ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Peter Krause
61. Jahrgang, Nr 12
Opernwelt wird herausgegeben von Der Theaterverlag – Friedrich Berlin
ISSN 0030-3690
Best.-Nr. 752339
REDAKTION OPERNWELT
Nestorstraße 8-9, 10709 Berlin
Tel.: +49(0)30/25 44 95 55
Fax: +49(0)30/25 44 95 12
redaktion@opernwelt.de
www.opernwelt.de
REDAKTION
Jürgen Otten (V. i. S. d. P.)
Albrecht Thiemann
REDAKTIONSBÜRO
Andrea Kaiser | reda...
Herr Behle, gibt es schon Aufführungspläne?
Ich habe Heribert Germeshausen, den Dortmunder Intendanten, total zugequatscht. Zu den für mich interessanten Häusern zählt auch das Gärtnerplatztheater, mit Intendant Josef Köpplinger habe ich den «Evangelimann» an der Wiener Volksoper gemacht. Das Gasthaus aus diesem Stück hatte ich für meine Operette ständig im Kopf....
Rainer Maria Rilke hatte vermutlich seinen Hegel gerade nicht zur Hand, als er, in den «Duineser Elegien» war es, die poetische These formulierte, das Schöne sei «nichts als des Schrecklichen Anfang». Vergegenwärtigen wir uns nur einmal die Geschichte von Orpheus, dem Ursänger, und seiner geliebten Eurydike, so mag dieses Wort des Dichters zwar zutreffen. Hört man...
