Ins Herz der Finsternis
Vielleicht lag’s an der Zueignung. Vielleicht hätten Hans Werner Henze und sein Librettist Ernst Schnabel ihr Oratorio volgare e militare nicht dem kurz zuvor ermordeten kubanischen Revolutionsführer Che Guevara widmen sollen.
Vielleicht wäre es genug der politischen (An-)Rede gewesen, sie hätten sich, wie dies jüngst dem österreichischen Schriftsteller Franzobel mit seinem Roman «Das Floß der Medusa» gedanken- und wortmächtig glückte, auf das ins Allgemeine zielende Thema beschränkt: auf die Unfähigkeit des Menschen, seiner animalischen Natur Herr zu werden, die zeitlosen Grenzen des Humanen, kurz: auf das Böse in uns.
So aber kam an diesem 9. Dezember 1968 in Hamburg, was kommen musste inmitten der politisch aufgewühlten Stimmung, mit Vietnamkrieg, Notstandsgesetzgebung und dem Attentat auf Rudi Dutschke: Wo die Kunst allein durch sich selbst sprechen sollte, sprach – befeuert durch hetzerische Artikel in der Springer-Presse – die pure Aggression. Hier provokative Transparente, unsinnige Flugblätter und noch unsinnigere «Ho Chi Minh»-Sprechchöre, dort eine hirnlos-obsessiv prügelnde Polizei. Die Folge: Eskalation, Tumult, Verletzte, Verhaftungen – aber kein einziger Ton Musik. ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 25
von Jürgen Otten
Der Sprung aus dem Einst in die Gegenwart – wie oft gelingt er nur mit Verlust, verfehlt sein Ziel und lohnt den Aufwand nicht. Anders in Basel, bei Sergej Prokofjews Dostojewski-Musikalisierung «Der Spieler». Da darf mit Fug und Recht von der wohlgeratenen Umbettung eines Werks die Rede sein. Wer jetzt mit der späten Schweizer Erstaufführung konfrontiert ist, muss...
Jaromir Weinbergers einstiger Welterfolg «Schwanda, der Dudelsackpfeifer» aus den 1920er-Jahren, in Mitteleuropa jäh gestoppt von den Nazis, taucht nach und nach wieder auf, und die Opernfreunde reiben sich erstaunt die Augen, dass diese tolldreiste Nachblüte der tschechischen «Volksoper» so lange vergessen wurde. Die Rezeptur der «Verkauften Braut» erscheint in...
Wie das von der Markgräfin Wilhelmine verantwortete Musiktheater aussah, sofern es nicht Opern eines Starkomponisten nachspielte, lässt sich an «L’Huomo» studieren. 1754 kam diese «Festa teatrale» im Markgräflichen Opernhaus heraus – eine Mischform, die Elemente der italienischen Opera seria ebenso aufgriff wie der französischen «Fête en Musique». Von Wilhelmine...
