Innerste Glut, tiefste Wahrheit

Asmik Grigorian überstrahlt bei ihrem Debüt als Norma am MusikTheater an der Wien sogar die gedankenscharfe Inszenierung von Vasily Barkhatov. An der benachbarten Staatsoper bleibt Bellinis Musikdrama blass und bedeutungslos

Opernwelt - Logo

Der 17. Juni 1949 war einer jener Tage, den wohl keine Sängerin, die je die Rolle der druidischen Priesterin verkörpert hat, wird vergessen können. An diesem mild-warmen Sommertag stand im Teatro Colón zu Buenos Aires die (Musik)Welt für einen Moment still, atemlos staunend. An der Seite von Fedora Barbieri, Mario del Monaco und Giulio Neri sang Maria Callas die Norma.

Sie sang sie nicht zum ersten Mal – ihr Rollendebüt hatte sie ein Dreivierteljahr zuvor, am Teatro Comunale di Firenze, gegeben–, aber dieses Mal tat sie es mit einer solchen Glut, dass diese Aufführung, mehr noch als die in Rom 1958, zur Legende taugt. Eine Dichterin war es, die dies Jahre später in poetisch berückende Worte zu kleiden vermochte – Ingeborg Bachmann: Maria Callas sei «groß im Hass, in der Liebe, in der Zartheit, in der Brutalität, sie ist groß in jedem Ausdruck, und wenn sie ihn verfehlt, was zweifellos nachprüfbar ist in manchen Fällen, ist sie noch immer gescheitert, aber nie klein gewesen. Sie kann einen Ausdruck verfehlen, weil sie weiß, was Ausdruck überhaupt ist».

Man wird an diese Worte erinnert, wenn Asmik Grigorian im MusikTheater an der Wien die berühmteste aller F-Dur-Cavatinen anstimmt. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Gerundet und doch ganz schön eckig

Bei allem gebotenen Ernst: Das hier einmal ausgesprochen physisch dargebotene Schlussgerangel um den Ring, in dessen Verlauf die Rheintöchter Hagen buchstäblich niederringen, ist dann doch ziemlich lustig. Hin und her geht es. Hagens «Zurück vom Ring!», immerhin die letzten Worte des Stücks, bleiben folgenlos, wie ja generell das vielleicht sinnvolle Abstandsgebot...

Auf Ohrenhöhe mit Gluck

Glucks am 18. Mai 1779 in Paris uraufgeführte «Iphigénie en Tauride» war nicht die erste französische Oper, die den Stoff des antiken Dramas von Euripides aufgriff. Fast auf den Tag genau 75 Jahre früher war an der Pariser «Académie Royal de Musique» das Gemeinschaftswerk von Henry Desmarest und André Campra herausgekommen. Der wegen seiner Liaison mit einer...

Vorschau Opernwelt 4/25

Aufgebaut
Eine Oper, die auf Interviews basiert und eine ganze Generation porträtieren will: «We Are The Lucky Ones» - das sind Menschen, die zwischen 1940 und 1949 geboren wurden. Philip Venables blickt in seinem neuen Stück, das beim «Opera Forward Festival» uraufgeführt wird, auf jene Generation zurück, die die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt hat. Wir...