Individualität unerwünscht

Puccini: Turandot Leipzig / Oper

Opernwelt - Logo

In den letzten, pompös-auftrumpfenden, musikalisch aber brüchigen Takten verschwindet er: Calaf, der Prinz aus der Fremde, der Turandot so sehr begehrt, dass er für sie sein Leben aufs Spiel setzt. Verschwindet in der Menge, die soeben noch rabiat seine Verbindung mit Turandot eingefordert hat. Calaf aber traut dem Frieden nicht (ganz wie einst Puccini), und er tut gut daran! Denn in diesem modernen Überwachungsstaat spielt der Einzelne keine Rolle mehr.

Wie Arbeitsbienen werden die Menschen in wabenähnlichen Gebilden gehalten, bewacht von grau gekleideten Wesen, die offenbar mit Elektroschockern für «Ordnung» sorgen. Individualität ist hier ganz und gar nicht erwünscht, sie wird hinter Sonnenbrillen, unter Kapuzen und in schwarzen Einheits-Overalls versteckt. Nur ab und zu spuckt die Menge einen der Ihren förmlich aus, um ihn anschließend ins Blutbad zu zwingen – dann nämlich, wenn Turandot wieder einmal einen Bewerber, der ihre drei Rätsel nicht lösen konnte, von einer Art riesigen Schiffsschraube zermalmen lässt.

Nicht alles in dieser bildstarken Inszenierung von Balázs Kovalik (Bühne: Heike Scheele) ist bis ins Detail nachvollziehbar. Die Konsequenz aber, mit der Kovalik den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2016
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Bettina Volksdorf

Weitere Beiträge
Für Liebhaber

Der gebürtige Niederbayer Mayr, der als Johann Simon geboren wurde und sich später, eine Verbeugung vor seiner italienischen Wahlheimat, Giovanni Simone nannte, hat rund 60 Opern hinterlassen. Eine Reihe davon liegt auf Tonträgern vor. In jüngerer Zeit hinzugekommen: sein Operndebüt «Saffo», uraufgeführt 1794 im Fenice (wo Mayr selbst Geige spielte), und «Amore non...

Un grande spettacolo

Es geht fröhlich zu im ehrwürdigen Teatro alla Scala. Kein Wunder, wo doch zum Ausklang der Spielzeit eine Oper für Kinder auf dem Programm steht: «Ratto dal Serraglio». Es wird gelacht, geschubst und gedrängelt. Die Orchestermusiker werden auf ihrem Weg in den Graben mit brausendem Beifall und zustimmenden Pfiffen begrüßt. Dann verlischt langsam das...

Kleines großes Welttheater

Schon der Trabi, der vor der giftgrünen Waldkulisse parkt, sorgt für Heiterkeit. Als ein riesenhafter Wiedergänger des Sandmännchens, das hier den Erzähler gibt, auf die vorn ausgerollte Kunstwiese wackelt, erfasst das kichernde Entzücken den ganzen Saal. Jirí Nekvasil lässt Orffs «Mond» auf der großen Bühne des Prager Nationaltheaters eine DDR-Kulturlandschaft...