Individualität unerwünscht
In den letzten, pompös-auftrumpfenden, musikalisch aber brüchigen Takten verschwindet er: Calaf, der Prinz aus der Fremde, der Turandot so sehr begehrt, dass er für sie sein Leben aufs Spiel setzt. Verschwindet in der Menge, die soeben noch rabiat seine Verbindung mit Turandot eingefordert hat. Calaf aber traut dem Frieden nicht (ganz wie einst Puccini), und er tut gut daran! Denn in diesem modernen Überwachungsstaat spielt der Einzelne keine Rolle mehr.
Wie Arbeitsbienen werden die Menschen in wabenähnlichen Gebilden gehalten, bewacht von grau gekleideten Wesen, die offenbar mit Elektroschockern für «Ordnung» sorgen. Individualität ist hier ganz und gar nicht erwünscht, sie wird hinter Sonnenbrillen, unter Kapuzen und in schwarzen Einheits-Overalls versteckt. Nur ab und zu spuckt die Menge einen der Ihren förmlich aus, um ihn anschließend ins Blutbad zu zwingen – dann nämlich, wenn Turandot wieder einmal einen Bewerber, der ihre drei Rätsel nicht lösen konnte, von einer Art riesigen Schiffsschraube zermalmen lässt.
Nicht alles in dieser bildstarken Inszenierung von Balázs Kovalik (Bühne: Heike Scheele) ist bis ins Detail nachvollziehbar. Die Konsequenz aber, mit der Kovalik den ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2016
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Bettina Volksdorf
Gute Nachrichten aus Parma: Nach Jahren programmatisch verordneter Schmalkost ist das Verdi Festival mit dem Schiller-Triptychon seines Namenspatrons und einem «Trovatore» zu einem Format zurückgekehrt, das seinem Ruf als nationales Opernereignis endlich wieder gerecht wird. Unter der Schirmherrschaft des jungen Bürgermeisters Federico Pizzarotti machte eine...
Herr Loy, Sie gelten unter den heute wichtigen Regisseuren als der große Diven-Versteher. Niemand hätte gedacht, dass Edita Gruberova so spielen kann wie bei Ihnen. Auch mit Jennifer Larmore sind Sie ganz neue Wege gegangen, ebenso mit Nina Stemme und Marlis Petersen. Und von Agneta Eichenholz hört man eigentlich immer nur, wenn Christof Loy inszeniert. Wie...
Nino Rota, Ermanno Wolf-Ferrari
Zwei (fast) Vergessene, deren Leben und Wirken im Schatten prominenterer Großmeister ihrer Zeit blieb. Jetzt rücken sie Aufführungen in Gelsenkirchen, Görlitz und Graz wieder stärker ins Rampenlicht.
Barbara Hannigan
Eine Sängerin erobert die Musikwelt. Erst als Spezialistin zeitgenössischer Musik, dann mit breit gestreutem...
