In Wotans Zuchtstation
Eine Weile war es Mode, Wagners Tetralogie auf vier Regisseure zu verteilen. Das Ideal der stringenten Erzählung eines einzigen Leitungsteams wurde dem Versprechen multipler Perspektiven auf das monumentale Werk geopfert. In Köln liegt der im vergangenen Oktober begonnene «Ring» ganz klassisch in der Hand eines Teams. Doch nach der «Walküre» fragt man sich, wo sich die Zusammenhänge zwischen den ersten beiden Abenden versteckt haben mögen – sie drängen sich weder ästhetisch noch dramaturgisch auf, Ausnahme ist das Kinder-Motiv, das nun, aber makaber, weitergedacht wird.
Im «Rheingold» zeigte Regisseur Paul-Georg Dittrich den Goldschatz als ein Kollektiv von Kindern und deutete den Urzustand als kindliche Unschuld, das Erwachsenwerden als zivilisatorische Verlustgeschichte. Wotan saß mit Flügelhelm vor gemalten Wolkenprospekten in einer Mondsichel und angelte, in Nibelheim hingen dann leblose Kinder in einem Rhönrad vor verdüsterter Szene, Wotan dort im schwarzen Gehrock. In der «Walküre» trägt Wotan im zweiten Akt nun einen scharf getrimmten blonden Kurzhaarschnitt und eine Uniform aus orangefarbenem Satin mit schneidigen Schaftstiefeln. In irritierendem Orange ist auch das ...
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Opernwelt Mai 2026
Rubrik: Panorama, Seite 62
von Regine Müller
Die Insel war eines ihrer Lieblingsspiele. Alles was man sich nur wünschen und vorstellen konnte, gab es auf ihrer Insel. Manchmal glaubte Philip fast, daß sie wirklich existierte; dort war er der König und Ellen die Königin, und kein anderer durfte sie betreten – sie gehörte ihnen allein.» («Die verzauberte Stadt», Edith Nesbit 1858–1924)
Kinder denken oft in...
Man hört es und ist sogleich mittendrin in Novalis’ «Hymnen an die Nacht» – auf jenem tiefen, von dunklen Gedanken ummantelten Seelenschmerzfeld, das sich in den Versen ausbreitet, die Georg Philipp Friedrich von Hardenberg (wie der romantischste aller romantischen Dichter mit bürgerlichem Namen hieß) nach dem viel zu frühen Tod seiner Braut Sophie von Kühn aufs...
Die Botschaft ist eindeutig: «Beautiful, beautiful, beautiful!», singen sechs elegant gekleidete Herren mit Fliege und Hosenträger. Wie die Geier umkreisen sie eine Frau, die an einem grell beleuchteten Schminktisch sitzt und weint. Ihr ikonisches Konterfei? Die platinblonde, in voluminösen Wellen gestylte Bobfrisur und ein knallroter Kussmund lassen keine Zweifel...
