Immer auf Linie

Marie-Nicole Lemieux singt Arien von Gluck, Mozart, Haydn und Graun

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Vor ein paar Jahren fiel Marie-Nicole Lemieux in Glyndebourne auf, als sie die Mistress Quickly in Richard Jones’ Nachkriegs-England-Version von Verdis Falstaff zur umwerfenden Charakterstudie einer ältlichen Lehrerin und Pfadfinderführerin umformte. Doch die junge Kanadierin ist in vielen Stilen und Kostümen zu Hause, was sie mit ihrem Recital mit Arien und Szenen von Gluck, Graun, Haydn und Mozart in grandioser Manier beweist.

Sie ist ein echter Contralto-Mezzo mit voluminös reicher Tiefe ohne künstliche Verdickung und mit schöner, flexibler Höhe, gesangstechnisch untadelig, mit perfekten Registerübergängen, im Dramatischen genauso souverän wie im Lyrischen. Virtuos ihre Koloraturen, wobei diese nie Selbstzweck, sondern stets mit Bedeutung aufgeladen sind. Auch bei äußerster Expression an der Grenze zur Deklamation bleibt sie stets auf Linie. Sie versteht es, jeden Charakter mit ihrer Persönlichkeit zu füllen und dennoch völlig unterschiedlich erscheinen zu lassen, schlüpft wie ein Chamäleon in die jeweiligen Partien. Man vergleiche etwa die dramatische Kraft ihrer Clytemnestre (aus Glucks Iphigénie en Aulide) mit dem bei aller Leidenschaft leicht hingestäubten «Voi, che sape­te» ...

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Opernwelt Januar 2013
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 19
von Gerhard Persché

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