Imaginäre Bühne
«Toujours à l’improviste» – immer aus dem Augenblick heraus: So seien ihm die einzelnen Szenen von «La Damnation de Faust» während einer Konzertreise durchs alte Europa erschienen. «Ich suchte nicht nach Ideen, ich ließ sie zu mir kommen, und sie stellten sich ein, in völlig unerwarteter Reihenfolge.» Erst in einem letzten Arbeitsschritt habe er das Heterogene zu einem Ganzen gefügt, so berichtet Hector Berlioz später in seinen «Mémoires».
Die Metapher der Reise, die voller Überraschungen ist, wird zum Gegenmodell einer nach den Regeln der Kunst funktionierenden Operndramaturgie. Dass Berlioz, dem die Pariser Opéra so gut wie verschlossen blieb, mit konzertanten «Mischgattungen» wie «Roméo et Juliette» und «La Damnation» nolens volens Notlösungen produziert habe, ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich etabliert er mit seinem Faust eine neue, revolutionäre Ästhetik, in der Teile und Ganzes in ein neues Spannungsverhältnis treten, dem mit Konventionen und einem organischen Kunstbegriff nicht beizukommen ist. Zugleich bleibt er bei den großen Leidenschaften der Oper, nennt das Werk zunächst «Opéra de concert» und schafft damit eine neue (imaginäre) Bühnendramaturgie der Brüche, ...
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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Klaus Heinrich Kohrs
Vom Sommer 1787 bis zum Frühjahr des Folgejahres weilte Johann Wolfgang Goethe in Rom ‒ im «stillen Gedanken an ein allmähliches Loslösen» von der engen Weimarer Heimat und darauf bedacht, durch die Begegnung mit der Antike neue Inspiration für sein stockendes Schaffen zu bekommen. Dennoch war der Dichter keineswegs allein, sondern umgeben von Kunstfreunden, zu...
Chi scherza con Amor, scherza col fuoco: Wer mit der Liebe spielt, spielt mit dem Feuer. So ist, so war es immer. Auch der Titelheld in Giovanni Antonio Borettis «Eliogabalo» weiß um die Tücken dieses (allzu) leichtfertigen Umgangs mit der wichtigsten Nebensache der Welt. Und doch hat ihm der Schöpfer eine Musik in die Kehle gelegt, die vor Vergnügungssucht nur...
Wenn eine Welt, in der Adolf Hitler geradewegs mit Gott identisch ist, auf der Opernbühne reflektiert wird, dann muss sich «Wotan» gar unheilig imperfekt und respektlos auf «Truthahn» reimen. Dann erheben sich rechte Arme nicht nur einfach so immer wieder zum deutschen Gruß stramm himmelwärts. Derlei Gesten aus dunkeldeutscher Zeit werden vom Orchester allzu gern...
