Imaginäre Bühne
«Toujours à l’improviste» – immer aus dem Augenblick heraus: So seien ihm die einzelnen Szenen von «La Damnation de Faust» während einer Konzertreise durchs alte Europa erschienen. «Ich suchte nicht nach Ideen, ich ließ sie zu mir kommen, und sie stellten sich ein, in völlig unerwarteter Reihenfolge.» Erst in einem letzten Arbeitsschritt habe er das Heterogene zu einem Ganzen gefügt, so berichtet Hector Berlioz später in seinen «Mémoires».
Die Metapher der Reise, die voller Überraschungen ist, wird zum Gegenmodell einer nach den Regeln der Kunst funktionierenden Operndramaturgie. Dass Berlioz, dem die Pariser Opéra so gut wie verschlossen blieb, mit konzertanten «Mischgattungen» wie «Roméo et Juliette» und «La Damnation» nolens volens Notlösungen produziert habe, ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich etabliert er mit seinem Faust eine neue, revolutionäre Ästhetik, in der Teile und Ganzes in ein neues Spannungsverhältnis treten, dem mit Konventionen und einem organischen Kunstbegriff nicht beizukommen ist. Zugleich bleibt er bei den großen Leidenschaften der Oper, nennt das Werk zunächst «Opéra de concert» und schafft damit eine neue (imaginäre) Bühnendramaturgie der Brüche, ...
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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Klaus Heinrich Kohrs
Ach, wer bringt die schönen Tage wieder? Vor Elsas Fenster liegt ödes Land: abgegraste Stoppelfelder, düster, kahl und kalt wie die Menschen, die hier leben. Goldfunkelnd leuchtet das Gralsmotiv aus dem Graben, Elsa kauert auf dem Bett, an der Zimmerwand erinnert ein Jagdhorn an den verschollenen Bruder.
In der Dortmunder Inszenierung von Ingo Kerkhof scheint der...
Ein Luxus-Loft, Glas, viel freie Flächen. An den Wänden glänzen gerahmte LPs und einige Gitarren, in der Mitte prangt ein Designerbett. Rechts hinten tanzen Wasserreflexe bläulich über die Wand: Aus dem Bad taucht, keuchend wie ein knapp dem Ertrinken Entronnener, Orpheus auf und spuckt Konsonanten. Bis er sich gefangen hat, hält Apollo mit langen Rezitationen vom...
JUBILARE
Nicholas McGegan erhielt seine Ausbildung in Cambridge und Oxford, anschließend lehrte er am Royal College in London. Von 1991-2011 prägte er als Künstlerischer Leiter das Profil der Händel-Festspiele Göttingen. McGegan stand am Pult der Philharmoniker von New York, Los Angeles und Hongkong, der Symphonieorchester von Chicago, Milwaukee, St. Louis,...
