Der geschärfte Blick
Lieber Herr Marton, ist das gute, alte Stadttheater, wie es in Deutschland existiert, generell ein Ort für Sie?
Es ist eher die Frage, ob es ein Ort für Musiktheater ist. In Deutschland existiert immerhin dieser Begriff «Musiktheater», der auch experimentelle Formen jenseits der Oper oder des Musicals bezeichnet. Aber institutionell existiert diese Genre – anders als das Tanztheater, das zu einem eigenständigen Genre jenseits des Balletts geworden ist – auch hier nicht wirklich.
Als ich in der freien Szene, in den Berliner Sophiensaelen angefangen habe, schwebte mir so etwas vor: Musiktheater als Pendant zum Tanztheater, ein Theater erschaffen aus Musik, hauptsächlich mit Musikern auf der Bühne. Dann kamen Stadttheater auf mich zu, die das gesehen hatten, und ich dachte: Dort machen wir weiter, aber zu besseren Produktionsbedingungen. Daraus ist eine mehr als zehnjährige Reihe von Experimenten entstanden, in denen ich verschiedene Produktionsformen ausprobiert habe. Glückliche Situationen hatte ich vor allem an der Volksbühne in Berlin, unter der Leitung von Frank Castorf, und auch zuletzt wieder bei meiner Inszenierung von Allen Ginsbergs Poem «Howl», während der Intendanz von ...
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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Interview, Seite 28
von Jürgen Otten
Der 1724 entstandene «Tamerlano» ist Händels finsterste, kühnste Oper, ihr Ausgangspunkt ein historisches Ereignis: der Kriegszug des Mongolen-Khans Tamerlan, der 1402 den türkischen Sultan Bajazet besiegte und diesen dann in einem Käfig mit sich führte. Der amerikanische Regisseur R. B. Schlather und sein Bühnenbildner Paul Steinberg greifen diesen Ausgangspunkt...
Die «Walküre» wartet mit den Kulissen auf, die wir schon aus dem «Rheingold» kennen (siehe OW 1/2019). Allerdings wurden etliche der Pressspantafeln aus den hohen Wänden gebrochen und liegen trümmergleich am Boden. An Göteborgs Opernhaus ist die Zersetzung von Alison Chittys Einheitsbühne, die in «Siegfried» und «Götterdämmerung» fortgeschrieben werden soll, längst...
Menschen in blutgetränkten Shirts liegen reglos auf den Stufen vor dem Haupteingang der Semperoper. Zögerlich bahnen sich die Premierengäste ihren Weg zwischen den Körpern, gehen unter dem Banner «Heute: Weltuntergang» hinein. Das drohende Inferno inszeniert Calixto Bieito in Dresden mit
György Ligetis «Le Grand Macabre». Seine «Anti-Anti-Oper» greift auf...
