Im Zeichen der Routine
Die Entdeckungsreisen, zu denen der Palazzetto Bru Zane in reger Folge einlädt, sind hochwillkommenes Gegengewicht zur Routine des Repertoires. Nun eine Oper von Saint-Saëns aus dem Jahre 1887: «Proserpine» (in der zweiten Fassung von 1899). Das 1838 verfasste experimentelle Drama eines Hugo-Nachahmers hat in der Bearbeitung als Oper freilich viel von seiner Schärfe verloren. Dort ist kaum noch zu erkennen, wie das in der italienischen Renaissance imaginierte Experiment eines Zynikers grausig scheitern kann.
Renzo will Sabatino nur dann seine Schwester ehelichen lassen, wenn jener vorher nochmals seine Verführungskünste an Proserpine ausprobiert. Der Bruder Angiolas (nomen est omen!) hatte nicht damit gerechnet, dass sich die Kurtisane in seinen zukünftigen Schwager verlieben könnte – zum schlechten Ende ermordet die eifersüchtige Hetäre das engelsgleiche Mädchen und wird von Sabatino getötet. So reimt sich im letzten Verspaar «tuée» («getötet») auf «prostituée». Das war zu starker Tobak für das Publikum der Opéra-Comique: Dort endete Proserpine im Selbstmord, um das «Eheglück» nicht zu verderben.
Die farbenreiche Musik wird der desillusionierten Darstellung von Lebemännern ...
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Opernwelt Juli 2017
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 27
von Anselm Gerhard
Ein Markenzeichen des 1977 von Gian Carlo Menotti gegründeten US-Ablegers des Spoleto Festivals ist die Spannweite seines Programms. Neben Mainstream-Stücken werden jedes Jahr Trouvaillen aus vorklassischer Zeit und Musik der Gegenwart geboten. In der vorletzten Saison etwa präsentierte man Francesco Cavallis «Veremonda» und ein druckfrisches Opus des chinesischen...
Ein Mann geht durch die Wand. Schwarzer Anzug, blondes Haar. Tritt aus einer Öffnung, die den Umrissen eines modeltauglich stilisierten Frauenkörpers nachgebildet ist. Gerade noch, während des Vorspiels, schien sie fugenlos abgedichtet, diese Barriere. Ein massives, steingraues Nichts, aus dem, in einen Lichtkreis gebannt, ein Auge schaute, ein Ohr lauschte....
Das leibhaftige Leben ist ja manchmal sowas von verismo (um nicht zu sagen abgeschmackt), dass es noch den ausgebufftesten Poeten rechts überholt. Zum Beispiel im Fall von Anna Sutter, der Starsopranistin am Stuttgarter Hoftheater, einer bejubelten Carmen und bewunderten Salome: erschossen vom eifersüchtigen – weil ehemaligen – Liebhaber, einem Hofkapellmeister....
