Im Wirbel der Ereignisse

Seit einem Jahrhundert verschollen, von Hervé Niquet und Le Concert Spirituel wiederentdeckt: Grétrys «Richard Cœur de Lion»

Opernwelt - Logo

Drei Revolutionen, 1789, 1830 und 1848, fegten sie hinweg, und jeweils zehn bis 15 Jahre später kam sie wieder: André Ernest Modeste Grétrys 1784 uraufgeführte Opéra-comique «Richard Cœur de lion». Der junge Berlioz erlebte sie zusammen mit anderen Werken aus der bon vieux temps im restaurativen Paris der 1820er-Jahre und hielt ihr unverbrüchlich die Treue: 1837 kämpfte er in einem Grétry gewidmeten Feuilleton für ihre dann vier Jahre später folgende Auferstehung in einer Bearbeitung von Adolphe Adam.

Und 1856, im Zweiten Kaiserreich, rezensierte er zwei parallel stattfindende Neuinszenierungen: «Das Publikum scheint niemals besser den naiven Charme dieser so wahrhaften, so berührend-geistreichen Musik begriffen zu haben, die trotz ihres hohen Alters so frisch geblieben ist.» Das Paradox von Alter und Frische verbündete sich mit der Sehnsucht nach einer geordneten Welt, für die bei Grétry ländliche Biederkeit, gutmütig polternde adlige Gutsherren und Ritter von hohem Ehrbewusstsein standen, selbst wenn sie aus undurchsichtigen Gründen einen gefangenen König zu bewachen hatten – geradlinige Menschen, die, mit Heine zu reden, «in den Herzen getragen die Treu/und auf dem Hintern ein ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2021
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 30
von Klaus Heinrich Kohrs

Weitere Beiträge
Auf der Suche nach sich selbst

Nachdem Marco Polo im späten 13. Jahrhundert mit seiner Reise durch das Mongolenreich maßgeblich zur Erweiterung des mittelalterlichen Weltbilds beigetragen hatte, waren die Voraussetzungen für weitere Entdeckungsfahrten in westliche Richtung geschaffen. Als treibende Faktoren fungierten Handel und christliche Mission. Die islamische Expansion im 15. Jahrhundert...

Verheißungsvoll

Stephan Märki, der neue Cottbuser Intendant, hat ein griffiges Zitat zur gegenwärtigen «Spielen-oder-Nichtspielen»-Debatte beigesteuert. Theater sei zwar nicht strukturrelevant, aber es sei lebensrelevant. Für den gebürtigen Schweizer ist der Wechsel an das Haus in der Lausitz so etwas wie eine Rückkehr zu den Anfängen als Leiter eines Mehrspartenbetriebs. Bevor er...

Damenwahl

Nah am Wasser gebaut sind sie alle. Und sie lenken den Blick ins Offene, gen Meer, Wellenschlag und Eis: Die Prachtgemäuer der skandinavischen Melomanen, wie sie in Helsinki und Oslo stehen, feiern sich nicht in selbstreferenzieller, bildungsbürgerlicher und selten wirklich welthaltiger Erhabenheit. Denn es sind genuin demokratische Orte, allesamt eröffnet um die...