Im Wärmestrom des Erlebten
Noten und Töne, die schriftliche Fixierung von Musik wie ihre klingende Realität im Dialog zwischen Interpret und Hörer, sind nicht identisch. «Weder enthält Geschriebenes je alles, was Musik ausmacht», schreibt George Steiner, «noch ist sie je ‹so und nicht anders›.» Musik, das «unterbrochene Schweigen» (Steiner), ist vielmehr immer anders. Keine Aufführung gleicht der andern. Das ist der Ausgangspunkt von Peter Gülkes neuestem, mit Blick auf das Phänomen «Interpretation» geschriebenem Buch.
Erneut nimmt er seine Leser mit auf eine Entdeckungsreise ins Innere der Musik, zu der er befähigt ist wie wenige – als Dirigent wie als Wissenschaftler, zwischen denen der glänzende Schriftsteller vermittelt. Der Tenor seines Buchs gilt der Erkenntnis, dass Musik «indem sie erklingt, zugleich verklingt». Was wir hören, ist unwiederholbar: «Keine Tonaufzeichnung kompensiert, dass musikeigenste Authentizität geopfert wird: Anrede, Mit-Teilung, im Hier und Jetzt des Erklingens vibrierende Einmaligkeit, nur hier sich ereignendes Auf-Du-und-Du.» Und klingt nicht selbst eine oft gehörte CD, also in der Tat identische Musik, im «Wärmestrom des Erlebten» jedes Mal anders?
Nach einleitenden ...
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Opernwelt Juli 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 37
von Uwe Schweikert
Nach gehörig zackigem Beginn: alles ein großer Seufzer. Die äußeren Umstände, der falsch gedeutete Scheintod der Giulietta, das verzweifelt vorzeitig genommene Gift zum Tode des Romeo, all das ist nur die schnöde Außenwelt eines inneren Dramas, das sich in Bellinis überlangen Bögen abrollt vom ersten Moment an, als Rosa Feola, «in lieta vesta», zur Hochzeit mit dem...
Er ist einer, der die Welt der Kunstmusik gern auf den Kopf stellt. Der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas tut das immer wieder – immer wieder überraschend und immer wieder fruchtbar. Als im Jahre 2000 die FPÖ in die Regierung des ÖVP-Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel eintrat, komponierte er das mittlerweile legendäre Ensemblestück «In vain», das über...
Warum spuckst du mich an?», fragt Richard die aufgebrachte Anne, die Witwe des Prinzen Edward, den er auf dem Gewissen hat. Von ihrem Speichel getroffen, hat sich zuerst der Tänzer Richard zusammen -gekrümmt, der dessen Körper darstellt. Dann der Sänger, der wohl seine Seele verkörpert. Und zuletzt reagiert eben der Schauspieler, das Sprachrohr seines Intellekts....
