Editorial August 2020

Opernwelt - Logo

Aus Erfahrung, heißt es, wird man klug. Die Gründerväter der Bundesrepublik Deutschland besaßen diese in reichlichem Maße; auch wussten sie um die Gefahren, die einem politischen System drohen, welches die Freiheit nicht als ein besonders schützenswertes Gut betrachtet. Als es nach Ende des Zweiten Weltkriegs darum ging, eine würdige Verfassung zu schreiben, floss dieses Wissen in die Formulierungen ein. So auch in den Artikel 5, Absatz 3 des Grundgesetzes vom 23. Mai 1949: «Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.

»

Kirill Serebrennikov dürfte in der jüngeren Vergangenheit nicht nur einmal von diesem Satz geträumt haben. Er kennt Deutschland gut genug, er hat hier, mit teilweise faszinierenden Ergebnissen, Oper und Schauspiel inszeniert. In Erinnerung bleiben insbesondere ein verstörend-imaginativer «Nabucco» 2019 in Hamburg und der «Decamerone» am Deutschen Theater Berlin im März dieses Jahres. In beiden Fällen konnte Serebrennikov nicht vor Ort sein. Seine politisch brisante Lesart von Verdis Musikdrama musste er, weil er nach seiner Festnahme im August 2017 zu andauerndem Hausarrest verdonnert worden war, via Videobotschaften durch seine Regieassistenten ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2020
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Querdenker

Wir befinden uns in einem Hörsaal der Politikwissenschaft an der Universität Hamburg, in den 1990er-Jahren. Der Professor, auf dessen Lehrplan Kant und Machiavelli stehen sollten, doziert darüber, wie sich der Mythos mit seinem Drang der wiederholenden Erzählung kollektiver Erfahrungen und die lineare Geschichtsschreibung unterscheiden. Er erklärt Richard Wagners...

Zuflucht im Cyberspace

Als am 1. Mai Premiere auf YouTube war, schrieben wir in unseren Corona-Zeiten den «Tag 47». Was man damals noch nicht wissen konnte: Es war ungefähr die Mitte der virusbedingten Isolationsphase. Mittlerweile nimmt das Leben wieder ein wenig Fahrt auf. In Salzburg hatte mit besagtem «Tag 47» der um Ideen nie verlegene versatile junge Regionalkantor der...

Phantome, Pragmatiker, Phantasten

«Das Wort ‹Familienbande› hat einen Beigeschmack von Wahrheit.» Wem fallen bei diesem Aphorismus von Karl Kraus nicht gleich die seit 150 Jahren vom Familienclan regierten Bayreuther Festspiele ein. Wagner hat nicht nur die Werktreue erfunden, den Autorwillen durchgesetzt, sein eigenes Theater erbaut, sondern seinen Nachfolgern mit den Modellinszenierungen auch...