Im Strudel der Gewalt
Beim Applaus sind fast alle blutüberströmt: Polonius, der nach einer Rauferei mit Hamlet tot liegen geblieben ist; Laertes, den Hamlet bei Polonius’ Beerdigung mit einer Axt erschlagen hat; Claudius, der gleichfalls nicht entkommen konnte. Und schließlich Hamlet, weil sich Ophelia bei ihrer letzten Umarmung mit einem Küchenmesser zur Wehr zu setzen wusste.
Ob auch Gertrude ihren Wunden noch erliegen wird, oder ob sie tatsächlich als Einzige davonkommt und womöglich zuletzt als Vision der sterbenden Ophelia wieder auftaucht, die sich schließlich in der Badewanne die Pulsadern geöffnet hat: Wer könnte es sagen? Der Rest ist Schweigen.
Der Dänenprinz auf der Opernbühne: Das ist nicht unbedingt eins der beliebtesten Sujets in der Geschichte des Genres. Ambroise Thomas’ «Hamlet» führt die Statistiken an; im Shakespeare-Jahr 2016 erinnerten etwa die Bregenzer Festspiele an Franco Faccios «Amleto» (1865), und das Musik-Theater an der Wien brachte Anno Schreiers «Hamlet» als Uraufführung heraus. Mit Francesco Gasparinis «Ambleto» hat die historische Reihe 1705 in Venedig begonnen – und doch auch wieder nicht. Denn die Vorlage des Librettisten-Duos Zeno und Pariati war nicht etwa ...
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Opernwelt Juni 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Walter Weidringer
Die Komponistin», so Virginia Woolf 1929 in ihrem Essay «Ein Zimmer für sich allein», «steht heute noch da, wo zu Shakespeares Zeiten die Schauspielerin stand» – im Abseits. Und sie zitiert das Verdikt eines Kritikers: «Das Komponieren einer Frau ist wie das Laufen eines Hundes auf den Hinterbeinen. Es geht nicht besonders, doch man ist überrascht, dass es...
Das Genie des Leidens sitzt vorne rechts, am äußersten Rand der Bühne, an einem viel zu kleinen Schreibtisch. Oder besser: Ein Teil von ihm sitzt dort, umgeben von Büchern, Notizheften, einem rotleuchtenden Blümlein, einer Flasche Wein und anderen nützlichen oder weniger nützlichen Utensilien. Harry Haller, «ein Mann von annähernd fünfzig Jahren», wie sein Schöpfer...
Freuen wir uns darüber, dass die Komische Oper Berlin wieder einen Generalmusikdirektor hat, der Akzente setzen kann. Der «Don Giovanni», den James Gaffigan dirigiert, ist frisch, elegant, dramatisch, dabei nie effektheischend; das Orchester des Hauses orientiert sich an den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis, verzichtet weitgehend auf Vibrato,...
