Im Sekretariat für Genauigkeit und Seele
Wenn sich zwei Reisende in einer Sommernacht treffen, die nicht nur ein glücklicher Zufall dazu bestimmt hat, derselben Profession mit vergleichbarer Leidenschaft und Hingabe nachzugehen, sondern die beide auch noch eine gehörige Portion wissbegierig-humorvolle Fabulierlust mit sich im Gepäck führen, und wenn diese beiden Zeitgenossen darüber hinaus noch ein, zwei, drei gemeinsame Themen finden, über die es sich in aller Ausgiebigkeit zu debattieren lohnt, und wenn dann noch zwei Verlage der Meinung sind, diese intimen, bei der Schubertiade in Schwarzenberg geführten, späterhin per B
rief fortgesetzten Gespräche seien es unbedingt würdig, veröffentlicht zu werden, – nun ja, dann kommt eben am Ende ein derart blitzgescheites Buch heraus: «Die Kunst des Interpretierens» heißt es und vereint zwei Große: hier den in London lebenden Pianist, Dichter und Vorsitzenden des Sekretariats für Genauigkeit und Seele Alfred Brendel, dort den Weimar treu ergebenen, literarisch schier unglaublich bewanderten Musikologen und Dirigenten Peter Gülke.
Es treffen sich zwei Plaudertaschen von erlesener Meisterschaft. Und also plaudern sie, der 90-jährige Brendel und der gerade mal 87-jährige Gülke. ...
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Opernwelt Juni 2021
Rubrik: BUCH des Monats, Seite 49
von Jürgen Otten
Das Rumpeln haben sie vermutlich bis nach Karlsruhe gehört. Sehr vielen Menschen fielen in der Hauptstadt jede Menge Steine vom Herzen, als der Bundesgerichtshof im Januar die «Nichtzulassungsbeschwerde» eines Investors ablehnte, mit dem das Land Berlin jahrelang um ein Grundstück direkt neben der Komischen Oper gerungen hatte. Ohne den schmalen, unbebauten...
«Solange das Geld, die italienische Oper und die Heimreise zu bezahlen, reicht, – bleibe ich in Wien!», schrieb Georg Wilhelm Friedrich Hegel im September 1824 seiner Frau. Zumal Rossini war es, der den preußischen Systemphilosophen allabendlich in Wien zur Musik zog. Damit befand er sich im Einklang mit der Mehrheit der deutschen Melomanen, deren Begeisterung über...
Zwei Frauen, ein Mann. Nie je in der Geschichte der Literatur, der Bildenden Künste und der Oper war das eine günstige Konstellation. Eine ist immer zu viel. Eine puera robusta, ein weiblicher, kriegerischer Störenfried. Im Fall des musikalischen Kammerspiels «Diàlegs de Tirant e Carmesina» von Joan Magrané, das auf der mittelalterlichen Erzählung «Tirant lo Blanc»...
