Im Schlachthaus
Verstörendes Vexierbild. Grausam und doch zauberhaft, anmutig. Während die Solo-Klarinette ihre unruhig-flackernde Klage ins Dunkel schickt, stürzen in einem großformatigen Video zwei leichtbekleidete Frauen wie in einer Traumsequenz in ein Bassin, Hand in Hand, und wie sich bald herausstellt, im Todeskampf unentrinnbar miteinander verbandelt. Letzte Blasen steigen auf, der Lebensodem der beiden Nymphen verflüssigt sich, jeder Versuch, dem Endlichen zu entkommen, ist zum Scheitern verurteilt. Das Sein verwandelt sich ins Nichts.
Aber dieses Nichts ist prästabiliert in Dmitri Schostakowitschs «Lady Macbeth von Mzensk». Es ist schon da, bevor die Liebe es für kurze Zeit überblendet, und es besteht aus jenem Ennui, der insbesondere im Russland des 19. Jahrhunderts nach Ende des Wiener Kongresses zahllose Existenzen hervorbrachte, die nichts mit ihrem Leben anzufangen wussten und insbesondere in den Poemen von Alexander Puschkin und Mikhail Lermontov ihre literarische Entsprechung fanden. Man fand für sie den Begriff des lisny celovek.
Katerina Ismailova ist, wiewohl unfreiwillig, Nachfahrin und zugleich Prototyp dieses «überflüssigen Menschen». Eine Frau ohne Visionen, jeder Illusion ...
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Volker Hagedorn ist ein Musikkritiker, der ungemein plastisch erzählen kann. Und wenn er ein Buch schreibt, so wie jetzt über die französische Hauptstadt in den Jahren 1821 und 1867, dann ist ihm daran gelegen, die Unmittelbarkeit, die seine Zeitungsartikel ausstrahlen, auch auf die kulturwissenschaftliche Publikation zu übertragen. Und tatsächlich gelingt ihm das...
