Im Schlachthaus
Verstörendes Vexierbild. Grausam und doch zauberhaft, anmutig. Während die Solo-Klarinette ihre unruhig-flackernde Klage ins Dunkel schickt, stürzen in einem großformatigen Video zwei leichtbekleidete Frauen wie in einer Traumsequenz in ein Bassin, Hand in Hand, und wie sich bald herausstellt, im Todeskampf unentrinnbar miteinander verbandelt. Letzte Blasen steigen auf, der Lebensodem der beiden Nymphen verflüssigt sich, jeder Versuch, dem Endlichen zu entkommen, ist zum Scheitern verurteilt. Das Sein verwandelt sich ins Nichts.
Aber dieses Nichts ist prästabiliert in Dmitri Schostakowitschs «Lady Macbeth von Mzensk». Es ist schon da, bevor die Liebe es für kurze Zeit überblendet, und es besteht aus jenem Ennui, der insbesondere im Russland des 19. Jahrhunderts nach Ende des Wiener Kongresses zahllose Existenzen hervorbrachte, die nichts mit ihrem Leben anzufangen wussten und insbesondere in den Poemen von Alexander Puschkin und Mikhail Lermontov ihre literarische Entsprechung fanden. Man fand für sie den Begriff des lisny celovek.
Katerina Ismailova ist, wiewohl unfreiwillig, Nachfahrin und zugleich Prototyp dieses «überflüssigen Menschen». Eine Frau ohne Visionen, jeder Illusion ...
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Ein Rest von Geheimnis muss bleiben. Fragen irren auch am dunkelhellen Ende mit dem seltsamen Sieg der Ariane über den Frauenpeiniger Blaubart weiter unbeantwortet in diesem märchenverschwommenen Raum umher. Wäre es anders, stammte die Textvorlage nicht von Maurice Maeterlinck – und die Musik nicht von Paul Dukas. Die Brille des nach psychologischer Plausibilität...
Der Lütticher Opernintendant Stefano Mazzonis di Pralafera gibt auf die Frage nach seinem ästhetischen Grundkonzept gerne augenzwinkernd zu Protokoll, er führe ein italienisches Opernhaus in Belgien. Will sagen, ein Haus, das sich konservativen Lesarten der Gattung verpflichtet sieht und sich damit bewusst und mit hoher Auslastung abgrenzt gegen seine Kollegen in...
Wer die Oper liebt, kennt auch die Geschichte vom Berg und dem Mäuslein. Es ist nämlich ein Maximum an Kraft und Können nötig, um das perfekte Nichts zu produzieren. Diese Erfahrung gehört zu den vielen Paradoxa des «unmöglichen Kunstwerks», die der Kritiker Oscar Bie 1913 in seiner legendären Analyse dieser Gattung nur vergessen hatte zu erwähnen.
Ende April war...
