Kalkuliert spontan
Bei Wagners «Tristan und Isolde» entscheidet sich alles im Vorspiel. Schon die ersten vier Takte sind schicksalhaft – für die folgende «Handlung» im Allgemeinen wie für die Qualität jeder einzelnen Aufführung im Besonderen. Die in den Celli sich aufwärtsschwingende Sexte ist wohl das gefährlichste Entrée der Operngeschichte.
Alain Altinoglu weiß das. Zwar dirigiert er an der Brüsseler Monnaie-Oper seinen ersten «Tristan» – die Premiere war am 2. Mai –, aber ihm ist klar, dass das Vorspiel sitzen muss.
Langsam, sehr langsam quält sich die Sexte aufwärts, der fatale «Tristan-Akkord» der Holzbläser kommt zögernd, als könne er sich nicht durchringen. Stille. Lange Stille. Dann der zweite Aufstieg, noch etwas langsamer, noch quälender. Wenn dann endlich das Tutti einfällt und die Celli ihren großen Gesang anstimmen, ist das Tempo immer noch gestaut, aber innerlich hoch gespannt. Wie aus sich selbst heraus nimmt der lavaglühende Orchesterfluss dann plötzlich Fahrt auf, verdichtet sich zu stürmischem Drängen, bis Altinoglu am Ende alle ins Schwitzen gebracht hat. Eine meisterhafte musikalische Dramaturgie.
Die starke Handschrift des Dirigenten, der immer wieder für überraschende ...
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