Im Puppenheim
Wie viele Zwangsehen wurden aus Staatsräson geschlossen? Die von Lucia und Arturo hält bekanntlich nur eine Nacht und endet blutig. In Lübeck erlebt ein gebanntes Publikum diesen Schluss bei Donizettis «Lucia di Lammermoor» so, als hätte der Aktionskünstler Hermann Nitsch Pate gestanden. Dessen Erwähnung versteht sich hier nicht im Sinne von Publikumsprovokationen, sondern einer ins Psychologische, Gesellschaftskritische gehenden Schonungslosigkeit der Darstellung.
Regisseurin Anna Drescher erzählt die Geschichte eines Liebesverrats aus dem Blickwinkel einer bloßgestellten Weiblichkeit, an der sich die Männer glotzend aufgeilen. Düsternis prägt die Produktion und damit auch die Bühne sowie die meisten Kostüme von Tatjana Ivschina; die Handlung spielt auf schwarzen Stufen und zwischen den grauen Stämmen eines Herbstwaldes. Vor der nachtschwarzen Gleichförmigkeit des Chors (Leitung: Jan-Michael Krüger), der an eine satanische Gothic-Gruppe mit Hospitalismus-Symptomen erinnert, heben sich die feuerroten Kleider von Lucia (erschütternd verkörpert von Sophia Theodorides) und Alisa (Delia Bacher) ab. Das cremefarbene Damast-Brautgewand harmoniert auf den ersten Blick mit der Sunnyboy-Gar ...
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Opernwelt Juli 2025
Rubrik: Panorama, Seite 55
von Andreas Ströbl
Der Mensch, so hat es, sehr spitzfindig und süffisant, einmal T. S. Eliot formuliert, ist nicht imstande, viel Realität zu ertragen. Was häufiger, als man gemeinhin denken sollte, zur Folge hat, dass dieser Mensch dann in eine Traumwelt entflieht, dorthin, wo er zumindest das Gefühl, eine Ahnung von Freiheit hat, auch wenn dies nur eine Fata Morgana ist, die ihm...
Die musikalische Magie der letzten Szene wirkt immer. Zunächst nimmt die hohe Feenwelt mit ihrem wundersam galanten, überirdisch in Fis-Dur glitzernden Prozessionsmarsch Abschied: Oberon, Tytania und auch ihr ganzer Hofstaat, hier blitzsauber gesungen und witzig dargestellt von den hervorragenden Kindern der Singschul’ der Oper Graz. Man will sie ob der...
Am «Woyzeck» hat Regie-Altmeister Johan Simons einen richtigen Narren gefressen. Dreimal brachte er Georg Büchners Schauspiel auf die Bühne, zuletzt in einer Koproduktion von Burgtheater, Schauspielhaus Bochum (wo Simons seit 2018 Intendant ist) und Akademietheater. 2019 erhielt diese den Nestroy-Preis für die beste Regie. Jetzt nahm sich Simons, der in diesem Jahr...
